Donnerstag , 5. Dezember 2019
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Deborah Coombe dirigiert das Konzert des BachChors zum 1. Advent in der St. Nicolaikirche. Foto: t&w

„Alle Engel singen“ in St. Nicolai

Lüneburg. Claudio Monteverdi, der frühbarocke Wegbereiter für die Oper, und Randall Stroope, ein zeitgenössischer Komponist aus den Vereinigten Staaten von Ame rika, auf Tuchfühlung zum adventlichen Auftakt – viel größer ist der musikalische Radius kaum denkbar.

Deborah Coombe liebt diese Kontraste, Grenzgänge in wenig bekannte Klangsphären. Mit ihrem BachChor wagte sich die stets mutige Dirigentin auf das bemerkenswerte Spannungsfeld in der bestens besuchten Lüneburger St. Nicolaikirche, flankiert von einem Blechbläserensemble und dem Bernadel-Trio. „Alle Engel singen“ formulierte sich der Titel des ungewöhnlichen Programms, am Ende mit langem und lautem Applaus quittiert.

Raffiniert gesetzte Bibel-Vertonungen

Der Italiener war ein Bahnbrecher, schrieb weltliche und sakrale Musik, stilistisch gehörte er zur Avantgarde. Aus seinem Spätwerk „Selva morale e spirituale“ gestaltete der ausgezeichnet vorbereitete BachChor sechs Beiträge. Die Psalmen-Sammlung trägt manches zusammen, was Monteverdi in früheren Jahren für den venezianischen Markusdom zu Papier brachte. Es sind raffiniert gesetzte Bibel-Vertonungen, wirkungsvoll, teilweise verblüffend modern, dann wieder eher rückwärtsgewandt. Gewagte Tempi und faszinierende Vielstimmigkeit prägen die Teile.

Hohen Anspruch markierte die Auswahl. Rhythmik und Dynamik erwarten exzellente Intonation und Phrasierung. Der Zyklus besticht durch seine Ausdrucksbreite und oft rasch wechselnde Stimmungslagen, die von gravitätischer Eleganz bis zum federnden Allegro und festlicher Prachtentfaltung variieren. Das verlangt absolute Konzentration und Präzision, um nicht ins Wanken zu geraten.

Besinnliche Momente

Unterstützt von den ebenfalls hervorragend disponierten Instrumentalisten gelang dem Chor eine famose Wiedergabe. Deborah Coombe navigierte die Ausführenden mit straffen Zeichen durch den schwierigen Parcours.

1991 ließ Randall Stroope „Hodie!“ (Heute) in Nebraska erstmals erklingen. Sein dreiteiliges Stück beginnt mit einer schmetternden Fanfare, um ein folgendes Halleluja über die Geburt Jesu auszubreiten. Der aktuell in Oklahoma dozierende Künstler rückt das Weihnachtsereignis in die Gegenwart, schafft dadurch eine Art Unmittelbarkeit. Orgel, Blechbläser, Trommel und Marimbaphon garantieren feierliche Opulenz, in die sich immer wieder auch besinnliche Momente einschieben.

Stroope verbindet Melos mit Dissonanzen, eingängige Passagen mit rasanten Läufen. Für Chor und Instrumentalisten erneut eine ziemlich komplexe Aufgabe. Deborah Coombe lotete die Beteiligten schnurstracks durch die herausfordernde Partitur, lenkte den Blick auf die frohe Botschaft der religiösen Texte, animierte zum Forte. Glorios wie die Musik präsentierte sich der sorgsam abgerundete, disziplinierte Vortrag.

Von Heinz-Jürgen Rickert