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Generalprobe zur Uraufführung des Balletts "Die Glasmenagerie". Foto: cul

Sehnsucht aus Glas

Hamburg. Das Einhorn ist das schönste aller Fabelwesen, so rein, so keusch und gut. Das Einhorn in diesem Stück von Tennessee Williams ist winzig, aus Glas und wird von Laura zärtlich gehegt, in ihm bündeln sich all ihre Sehnsüchte. Was aber, wenn das Einhorn zerbricht? Hamburgs Ballett-Chef John Neumeier findet bezwingende Bilder für Williams‘ Kammerdrama der Erinnerungen und der zum Scheitern bestimmten Hoffnungen. „Die Glasmenagerie“ wird in der Staatsoper Hamburg umjubelt – allen voran triumphiert Alina Cojocaru, eine berührende Laura.

Das Stück führt in trister Zeit irgendwann in den 40er-Jahren auf den Hinterhof einer amerikanischen Stadt. Dort lebt Laura mit Mutter und Bruder zwischen Feuerleitern in einer „Wohnhaftanlage“, die „wie Warzen aus dem Boden schießen“, schreibt Williams. John Neumeier, der auch für Bühne, Licht und Kostüme sorgt, deutet Räume nur an und zeigt mit kleinen, auf transparenten Vorhängen in die Szenerie gewebten Filmsequenzen die Durchlässigkeit von Träumen und Realität. Zitiert wird „Vom Winde verweht“, wenn Scarlett und Rhett sich übergroß küssen…

Stilistisch mit Swing und Showtanz aufgelockert

Der Alltag der Familie Wingfield kennt keine Romantik. Mutter Amanda versucht vergeblich, sich mit dem Verkauf von Zeitungen einen Platz im Leben zu sichern. Lauras Bruder Tom schuftet monoton in einer Schuhfabrik. Und Laura? Sie muss mit einem verkrüppelten Bein leben, scheitert beim Versuch, das Fach Schreibmaschine zu erlernen, und verkapselt sich in ihrer eigenen Welt.

Wie soll man das tanzen? Neumeier weitet das Kammerspiel aus, mit Szenen aus der Fabrik, aus dem Sport und – überlang – aus einem Schwulenclub, in dem Tom verunsichert und doch fasziniert herumirrt. Den inneren Zugang zu dem Drama fand Neumeier aber in der Tänzerin Alina Cojocaru. Sie verkörpert das Fragile der Laura, erhöht deren Gehbehinderung immer wieder in einen Zustand des Schwebens und Entrückten. Träumt Laura sich fort, trägt sie nicht mehr den klotzigen Schuh am kaputten Bein. Diese in ihrer Melancholie gefangene Laura ist tänzerisch großartig gestaltet und lässt den Atem anhalten.

Laura tanzt mit dem Einhorn, wirkt wie in Trance und lebt auf, als Jim auftaucht, scheinbar ein Verehrer. Neumeier lässt Christopher Evans als Tom in unwirklich überdrehten Wirbeln und Sprüngen durch die Wohnung fliegen, bis ihm das Einhorn entfällt und bis ihn seine resolute Verlobte zurück in ihr Leben holt. Für Glück bleibt bei den Wingfields kein Platz. Wie das Einhorn scheint Laura an der Realität zu zerschellen. Nur der Autor kann die Unglückliche erlösen. Neumeier lässt sein Alter Ego Tennessee Williams (Edvin Revazov) den ganzen Abend beobachten.

Ins Leere gleitende Figuren dominieren 

Es passt alles an diesem über weite, weite Strecken packenden, stilistisch mit Swing und Showtanz aufgelockerten Abend. Dominierend aber sind die verwinkelten, oft wie ins Leere gleitenden Figuren, mit denen Neumeier eine Sprache für seine Protagonisten findet. Patricia Friza als Mutter Amanda ist so ein Charakter, der vergeblich einen Halt sucht.

Die Musik von Philip Glass mit ihren in sich kreisenden Motiven passt ideal zu einer Welt des Erstarrens. Farbige, vitale Ausbrüche schleudern Klänge von Charles Ives dagegen. Simon Hewitt stimmt den Soundtrack mit den Philharmonikern ideal auf die Tänzer ab bis hin zu einem Finale, das haarscharf am Kitsch vorbei in die Stille führt. John Neumeier hat sein kaum noch überschaubares Werk im 80. Jahr seines Lebens um einen künftigen Klassiker für das Ballett erweitert.

„Die Glasmenagerie“ steht in diesem Jahr noch am Donnerstag, sowie am 7., 12. und 13. Dezember um 19.30 Uhr auf dem Spielplan, dann wieder am 26., 30. und 31. Januar 2020.

Von Hans-Martin Koch