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Fips Asmussen ist eine Institution in Sachen Humor – im Kulturforum zeigt sich der 81-Jährige von seiner besten Seite. (Foto: t&w)

Kultige Kalauer im Sekundentakt

Lüneburg. Wir schreiben den 7. Dezember 2019, den Vorabend des 2. Advent. Die meisten Lüneburger lassen nach einem Besuch des Weihnachtsmarktes vermutlich den Tag besinnlich im Kreise der Familie ausklingen. Doch gut 400 haben sich auf den Weg ins Kulturforum Wienebüttel gemacht. Dort geht es alles andere als besinnlich zu. Auf der Bühne: Fips Asmussen, 81, Alleinunterhalter und Possenreißer, Hamburger Humormaschine und Kult-Comedian. Seit mehr als 40 Jahren erzählt er die gleichen Witze, bringt dieselben Sprüche. Es ist genau das, was die Menge hören will.

Vorbild für viele der heutigen Comedians

„Schicke Bluse! Die war bestimmt mal teuer, als sie noch modern war!“ Etwas wackelig steigt der weißhaarige Krauskopf mit der regenbogenfarbenen Weste die Treppe hinunter.

Traditionell begrüßt er die Gäste in der ersten Reihe mit Handschlag. „Oh, da hinten sitzt aber eine Hübsche! Mädel, erzähl mal ein bisschen was von Dir: Wie heißt Du, wo wohnst Du, was kostest Du?“ Noch immer folgt im 30-Sekunden-Takt ein Gag auf den nächsten, wie vor 40 Jahren. Personen des aktuellen Geschehens werden ausgetauscht, die Pointen bleiben dieselben.

Politiker sind eine beliebte Zielscheibe des Entertainers. Wer von den Gästen noch weiß, wer Kohl („der Kanzler der Einfalt“) und Genscher („der war ja zum Schluss nur noch Haut und Ohren“) waren, kommt auf seine Kosten. Auch mit den aktuellen Protagonisten auf der politischen Bühne kennt er sich aus: „Peter Alzheimer, äh, Altmaier, die sprechende Kampfbulette. Der kann beim Furzen ein Schlauchboot aufpusten!“ Geschmacklos? Geschmacksache. Das Publikum, vorwiegend männlich, tobt vor Begeisterung.

Ursula von der Leyen? Unsere „Mutter von der dauerhaften Empfängnis, die fruchtbarste Ministerin, die wir je hatten!“ Soldatenmangel bei der Bundeswehr? „Gebt mir neun Monate!“, soll sie als Verteidigungsministerin gesagt haben. Angela Merkel? „Schon Bundespräsident Roman Herzog sagte damals: Durch Deutschland muss ein Rock gehen! Und was haben wir bekommen? – Einen Hosenanzug!“

Fips Asmussen ist ein Phänomen. Wenn er plaudert, ist keiner der Sprüche neu, aber immer noch ein Garant für Lacher. Viele der heutigen Comedians kopieren den selbsternannten „Gottvater des Humors“. Jonas Wichmann, mit 24 Jahren wohl einer der jüngsten Besucher, findet: „Die echten Fips Asmussen-Witze sind doch 1000 Mal besser als Mario Barth und Co.!“

Der Bierkonsum scheint an diesem Abend im Saal höher als sonst. Die Herren, die links die gesamte erste Stuhlreihe belegen, tragen T-Shirts mit Fips-Porträt und der Aufschrift „Fips Ultras“. Sie müssen noch in der ersten Hälfte Bier nachordern. Dabei wird es vor der Pause fast noch besinnlich: Asmussen rezitiert fehlerfrei Tucholskys Gedicht „Der andere Mann“, das hat geradezu etwas Anrührendes.

Zum Schluss ein Loblied auf die Zeitung …

Der 81-Jährige hat eine Mappe mitgebracht, aus der er nach der Pause einige Witze vorliest. Manchmal zittert die Stimme, manchmal auch ein Arm oder ein Bein, oder es entsteht eine kurze Pause. Man weiß nicht, hat das System oder macht ihm das Alter zu schaffen? Doch nach kurzer Zeit läuft Asmussen auch im zweiten Teil des Abends wieder zu Höchstform auf. Das Alter muss selbstverständlich thematisiert werden, genau wie die Ehe, der Sex, der Stuhlgang und das Beamtentum: „Ich habe nichts gegen Beamte, die tun ja nix.“

Wieder reiht sich Gag an Gag. Die Zeit vergeht wie im Fluge, bis Asmussen sagt: „Ich mach‘ jetzt auf Kölnisch Wasser, ich verdufte!“ Ohne Zugabe lässt ihn das Publikum in der ausverkauften Konzertscheune jedoch nicht gehen. Über die Partnerwahl im Internet und Abtreibungen alias „entfernte Verwandte“ stimmt er schließlich ein Loblied auf die Zeitung an, die ja viel wichtiger sei als das Fernsehen. „Oder haben Sie schon mal Heringe in einen Fernseher eingepackt?“

Asmussen beschließt den Abend mit einem weiteren Tucholsky-Gedicht und entlässt die Menge nach fast drei Stunden in die regennasse Nacht. „Das war mal wieder legendär!“, hört man vor der Türe noch einige Besucher sagen. Vielleicht setzt der eine oder andere einen praktischen Tipp des Entertainers um: „Ein Freund von mir, der ist so geizig, der nimmt am 2. Advent eine Kerze und stellt sie vor den Spiegel.“

Von Ruth Heume