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Studioarbeit bei "Chaussee Soundvision" in der Goseburg (v.l.): Autor Joachim Seemann, Reemt Allerding (Aufnahmeleiter), Sprecher Freddy Fleïng und Autorin Renate Seemann. Foto: t&w

Platz für die richtigen Worte finden

Lüneburg. Filme für Blinde? Das klingt zunächst ein bisschen merkwürdig, schließlich ist der Betroffene durch seine Behinderung ja von entscheidenden Elementen ausgeschlossen. Doch die Forderung nach Barrierefreiheit gilt auch für Fernsehen und Kino – was der Blinde nicht sehen kann, muss ihm eben erzählt werden. Eine sogenannte Audio-Deskriptionsfassung (AD) des Spielfilms „Systemsprenger” ist am Freitag, 17. Januar, um 14 Uhr im Scala-Kino zu sehen, produziert im Lüneburger Tonstudio „Chaussee Soundvision“.

Alle in Deutschland geförderten Filme müssen Versionen für Menschen haben, die nicht sehen oder hören können. Normalerweise können die Betroffenen die AD-Fassung über ihr Smartphone, über eine App und mit einem Kopfhörer verfolgen. Allerdings wissen viele Cineasten gar nichts von diesem Angebot. Bei Fernsehapparaten gibt es Kanäle, über die der Zusatztext eingespielt wird.

Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln

Die Veranstaltung in der Scala ist eine Kooperation mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband. Für die Filmvorführung sind keine Smartphones oder andere technische Hilfsmittel notwendig. Geplant ist ein anschließendes Gespräch mit den Blinden, Sehbehinderten und ihren Begleitern. Sinn der Übung: Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge sammeln. Mit dabei sind der Sprecher Freddy Fleïng, die Autoren Renate und Joachim Seemann sowie Hubertus Magnus, sehbehinderter Mitarbeiter und Berater.

Dokumentationen, Jugendfilme, Komödien, Problemfilme – Renate und Joachim Seemann, Lehrer im Ruhestand, haben in drei Jahren bisher für 15 Filme die Sprecher-Texte geschrieben. Fachwissen sammelten sie bei einem Workshop in München, normalerweise aber gilt learning by doing. Zunächst werden die Szenen daheim wieder und immer wieder angeschaut, die Plätze für die Moderation gesucht, geeignete Stellen sind manchmal nur ein paar Sekunden lang. Das dauert eine Woche.

Ist das Manuskript fertig, geht es ins Studio, hier werden die Takes eingesprochen und abgemischt, das dauert noch einmal fünf bis sechs Stunden, und exakt in die Szenen eingefügt. Wenn es gerade keine Dialoge oder Monologe gibt, dann sind möglicherweise wichtige Hintergrundgeräusche zu hören, die ebenfalls nicht übertextet werden sollten.

Nutzer soll nicht beeinflusst werden

„Ein weiteres großes Problem bei den Maßstäben für die Deskriptionsfassung: Man darf nicht interpretieren“, sagt Renate Seemann, schließlich soll der Nutzer nicht beeinflusst werden. Zu vermeiden ist es dennoch nicht immer, ”zum Beispiel, wenn man Gesichtsausdrücke beschreiben muss. Zu sagen, eine Person schaut fröhlich, düster, traurig und so weiter – das ist ja eigentlich schon eine Deutung!“ Aber alle Merkmale eines Gesichtsausdrucks, der Körperhaltung und des Verhaltens zu beschreiben, dafür fehlt meistens die Zeit.

Schwierig wird es auch, wenn sich die Identität eines Protagonisten erst nach und nach im Film offenbart, hier darf der Sprecher keine Informationen vorwegnehmen. Sprache, Ausdruck sollen dem Charakter des Films entsprechen. Zudem muss die Wortwahl dem Genre entsprechen, Kinder brauchen andere Texte als ein erfahrener Kinogänger, der Zusammenhänge und Abläufe erahnt. „Ich bin zwar blind, aber nicht blöd!“, zitiert Joachim Seemann einen AD-Nutzer. Dann lieber mal ein paar Sekunden Stille riskieren.

Nora Fingscheidts Spielfilm-Regiedebüt

Benni will nur Geborgenheit

Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen. Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

Im Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2019 feierte ”Systemsprenger“ Premiere. Regisseurin Nora Fingscheidt überzeugte die Jury und durfte sich für ihr Spielfilmdebüt über den Silbernen Bären, den Alfred-Bauer-Preis sowie über den Publikumspreis der Lesejury der Morgenpost freuen.

Von Frank Füllgrabe