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Ulrike Draesner und Moderator Tilmann Lahme führen in die äußere und innere Welt eines Extremsportlers. Foto: t&w

Grenzen lösen sich auf

Lüneburg. Irgendwann verschwimmt alles. Das Wasser, die Wolken, der Horizont, der Nebel. Die Wahrnehmung, die Gedanken, die Gefühle und die Körperlichkeit. 33 Kilometer misst die Strecke durch den Ärmelkanal, ohne Abtrieb durch Strömungen. Seit Stunden schaufelt sich Charles voran, von Dover nach Calais. Warum tut sich der 62-jährige Wissenschaftler das an? In ihrem Roman „Kanalschwimmer“ begleitet Ulrike Draesner den „zufriedenen Idioten“, dem das Leben an Land entglitten ist. Mit Moderator Tilman Lahme stellte Draesner ihr Buch im Heine-Haus vor, zum Abschluss der LiteraTour Nord.

Es gehe um Grenzen, sagt die Autorin, letztlich um Leben und Tod. Charles, der sich etwas beweisen will, sucht keine Rekorde. Er will es schaffen. Vielleicht möchte er aber auch Maude etwas beweisen, seiner Frau, die ihn aus dem Zentrum ihres Lebens geworfen hat. Alte Geschichten haben Charles eingeholt, kleine Lügen mit großen Folgen. Sie kleben nun in seinen Gedanken, während Zug um Zug „der Ärmel, die Brühe, der Dreck“ besiegt sein will.

Die Antwort ist gar nicht wichtig

Ulrike Draesner entwickelt einen doppelten Sog in ihrem – passend bei mare veröffentlichten – Roman. Natürlich treibt Lesende die Frage voran, ob Charles in Frankreich an Land krabbelt. Am Ende wird klar sein, dass die Antwort gar nicht wichtig ist. Auch die spürbar genau recherchierten Details faszinieren. Neben Charles tuckert die „Henry“ mit dem Begleitteam, das ihm per Stange Energy-Gels reicht. Und das prüft, ob er noch voran kommt, ob Körper und Geist bei Kräften sind. Sie sind Freund und Helfer und Feind des Schwimmers, ziehen ihn aus dem Wasser, wenn sie meinen, er schafft es nicht.

Der andere Sog geht von der Sprache aus. Draesner entwickelt einen Rhythmus, so, wie ihn Extremsportler brauchen. Der Fluss der Sprache wird immer wieder durch Absätze aus einem oder zwei Worten gebrochen, durch Satz- und Dialogfetzen, durch Zwei- und Dreiklänge – „Schlag, Herz, Schlag“. Und Alliterationen: „Sie zielten, zuckelten, zitterten sich durch Z.“

Das Übermächtige der Natur

Prosa und Lyrik überlappen sich. Die Durchlässigkeit von Genres passt zu dem Ausnahmezustand, in den sich Ausdauer-Extremsportler bewegen. So haben sich schon oft Autoren dem Thema genähert, beispielsweise der aus eigenem Erleben heraus schreibende Günter Herburger („Lauf und Wahn“ …)

Noch eines zeichnet „Kanalschwimmer“ aus: Das Übermächtige der Natur, das „nature writing“, beherrscht Draesner meisterlich. Sie erzeugt mit wenigen, sehr ausgesuchten Worten Bilder, die weit über das rein Anschauliche hinausgehen. Dass sie auch Lyrik schreibt, wird in dieser präzisen Sprachwahl deutlich.

Sechs Kandidaten, die an sechs Orten lesen

Von Ulrike Draesner, 1962 geboren, kamen bisher fünf Romane heraus, zwei waren für den Deutschen Buchpreis nominiert. Den Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen erhielt sie, und seit 2018 nimmt sie eine Professur für literarisches Schreiben in Leipzig wahr.

Am 11. Februar entscheidet sich, wer den mit 15.000 Euro, von der VGH gestifteten Preis der LiteraTour Nord erhält. Eine von 13 Stimmen der Jury gehört Kerstin Fischer vom Literaturbüro. Sechs Kandidaten, die an sechs Orten lasen, stehen zur Wahl. Neben Ulrike Draesner sind das Norbert Scheuer („Winterbienen“), Isabel Fargo Cole („Das Gift der Biene“), Albrecht Selge („Fliegen“), Karen Köhler („Miroloi“) und Daniela Krien („Die Liebe im Ernstfall“).

Von Hans-Martin Koch