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Andreas Fröhlich arbeitete als Synchronregisseur für Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“, war außerdem die deutsche Stimme von Gollum. Foto: phs

Am Tor zu Saurons Schattenreich

Lüneburg. Die Ehefrau von An­dreas Fröhlich dürfte irritiert gewesen sein, als ihr Gatte sie in der Küche plötzlich mit „mein Schatz!” anfauchte. Denn hier war nicht der gewohnte Partner zu hören, sondern ein verzweifeltes, krankes Wesen, das sich nach einem ganz anderen Schatz verzehrt: nach einem Ring, geschmiedet von einem grausamen Herrscher, der all seine finstere Macht in das goldene Prachtstück gegossen hatte. Wer an diesen Ring gelangt, hütet ihn wie seinen Augapfel – und verfällt mit der Zeit selbst unweigerlich dem Bösen.

Zur Probe die eigene Ehefrau angefaucht

Die Rede ist natürlich von John Ronald Reuel Tolkiens Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe”. Der Schauspieler Andreas Fröhlich hatte als Synchronregisseur die Aufgabe, für Peter Jacksons monumentale Verfilmung eine Fassung für die deutschen Kinos herzustellen. Für Bilbo, Frodo und Sam, für Aragorn, Gandalf und all die anderen Helden von Mittelerde waren längst passende Stimmen gefunden. Aber nun wurde die Zeit knapp, und wer sollte den Gollum sprechen? Diesen ehemaligen Hobbit Smeagol, der in seiner Hassliebe zu dem schwarzen Herrscher Sauron unerbittlich ins Schattenreich gezogen wurde und zu einem erbarmungswürdigen Ungeheuer mutierte? Fröhlich übernahm die Rolle selbst, daheim übte – und fand – er den richtigen Tonfall, ohne Rücksicht auf die Stimmbänder. Das war im Jahre 2001. So jedenfalls geht seine Anekdote.

Zusammen mit seinem Kollegen Timmo Niesner, der deutschen Stimme von Frodo, war Fröhlich nun Gast von Lünebuch im großen Theatersaal. Literaturkritiker Denis Scheck moderierte den Abend, Ralf Tornow, Vertriebs- und Marketingleiter von Klett-Cotta, sprach über die Anfänge des „Herrn der Ringe” in seinem Verlag.

Der Tolkien-Abend war schnell ausverkauft. Und Denis Scheck ging wohl zu Recht davon aus, dass jede(r) im Publikum die Trilogie – also „Die Gefährten”, „Die zwei Türme” und „Die Rückkehr des Königs” – tatsächlich gelesen und die Verfilmungen gesehen hatte.
Bekannt wurde Andreas Fröhlich vor allem durch seine Rolle des dritten Detektivs Bob Andrews in der seit 1979 erscheinenden Hörspielserie „Die drei ???”, aber richtig berühmt wurde seine ambivalente, von einem schizophrenen Geist geprägte Kino-Stimme Gollums.

„The Lord of the Rings” erschien 1945/55, in Deutschland kam die Übersetzung 1969/1970 auf den Markt – in einem Verlag, der bis dahin vor allem Schulbücher publizierte und dessen Junior-Verleger an die Tolkien-Romane (in den USA, nicht in England) eher per Zufall gelangte.

Premiere in einem Schulbuch-Verlag

Die Mittelerde-Saga etablierten in Deutschland –nach zögerlichem Anlauf – 1972 mit einem beispiellosen Hype das Fantasy-Genre. Weltweit wurde die Erzählung etwa 150 Millionen Mal verkauft. Genaue Zahlen konnte Ralf Tornow für Deutschland nicht nennen, „es werden so um die zehn Millionen sein”, in den meisten Haushalten steht die grüne Taschenbuch-Ausgabe.

Zwei Passagen hatten Niesner und Fröhlich jeweils für ihre Lesung ausgewählt: erstens Bilbos Feier seines 111. Geburtstages, jenes Tages, in dem der alte Hobbit sein geliebtes Auenland noch in der Nacht heimlich verlassen und auf Wanderschaft zu den Elben gehen will. Und vor allem: in der er den Einen Ring an seinen Neffen Frodo – schweren Herzens – weitergeben will, was ihm dann nur mit Gandalfs Unterstützung gelingt. Zweitens: Elronds Rat, auf dem sich die Gemeinschaft bildet, die den Ring zu jenem Vulkan bringen soll, in dem er einst geschmiedet wurde. Denn nur dort kann er auch wieder eingeschmolzen werden.

Höhepunkt und Finale des Abends war eine gemeinsame Lesung jener Passage, in der Gollum von Frodo und seinem Begleiter Sam gefangen genommen wird: Da intonierte Andreas Fröhlich noch einmal das große Lamento, das Gejammer, Gewinsel und Gezische der gequälten Kreatur, da gab es Szenenapplaus, das war noch einmal großes Kino für die Ohren.

Von Frank Füllgrabe