Aktuell
Home | Kultur Lokal | Manchmal ist weniger doch mehr
„Leben im Plus“ heißt das aktuelle Programm des Kabarettisten Chin Meyer. Foto: t&w

Manchmal ist weniger doch mehr

Lüneburg. Volker aus Wuppertal war da, Heidi aus Würzburg und ein sechsköpfiger Tischtennisclub aus – man mag es kaum glauben – Bielefeld. Und während Johanna zum Yoga geht, kann es passieren, dass ihr Gatte Norbert zu Hause „aus Versehen“ ein Mega-Schnäppchen im Internet bestellt: einen Tesla für lächerliche 85 000 Euro.

Chin Meyers Publikum machte munter mit bei diversen Interaktionen: Gerd rief brav, und das gleich zweimal: „Ich will ein Kind von dir“. Und Bruno, Detlev und Susanne schlüpften bereitwillig in die Rollen der millionenschweren „Sympathieträger“ von Clemens Tönnis, Carsten Maschmeyer und Erwin „Drogerie“ Müller. Gemeinsam rappten sie den Cum-Ex-Rap, wobei Chin Meyer erklärte, wie das Steuergeschäft mit den Cum-Ex-Aktien funktionierte. Denn Meyer ist Deutschlands Finanzkabarettist und muss es wissen. Tut er auch.

„Leben im Plus“ heißt das aktuelle Programm des Kabarettisten, der das Kulturforum am vergangenen Sonnabend zu fast zwei Dritteln füllte. Das Programm erinnert ein wenig an ein buntes Medley: Wer definiert Reichtum? Ist die Menschheit bereit für den Bio-Printer, der Organe wie beispielsweise eine neue Leber im 3D-Drucker ausdruckt? Was steckte tatsächlich hinter der Diesel-Krise? Sollte Thüringen nicht besser nordbayrische Provinz werden? Waren wir früher als Pantoffeltierchen nicht glücklicher? Zusätzlich schlüpft der 60-Jährige in unterschiedliche Rollen, die jeweils wirklich lustig sind, wie etwa der indische Money-Guru, der politische Schlagersänger (es wurde geklatscht und geschunkelt), der amerikanische Erfolgsberater.

Zweifellos ein Könner seines Fachs

Und Botschaften hat Meyer auch: Hört auf zu jammern, Leute. Nie ging es uns so gut wie heute. Stimmt alles, ist aber mitunter ein wenig zu viel, etwas zu gewollt, manchmal auch beliebig. Trump-Witze sind einfach müde, da der Mann sich ja ständig selbst überholt. Und Witze auf Kosten von Beamten? Naja, es gab schon Originelleres. Auch auf Aliri könnte der gestandene Comedian gut und gerne verzichten: Aliri ist eine Mischform von Alexa und Siri und somit eine unangenehme Klugscheißerin, die sich – auf metaphysischer Ebene – in Ralf aus den vorderen Reihen verliebt hat und am Ende noch einige Kalauer auf Kosten Meyers absonderte.

Meyer, der mittlerweile auch einem größeren TV-Publikum bekannt sein dürfte, ist zweifellos ein Könner seines Fachs, aber das neue Programm ist überladen. Gelegentlich auch mit seinen Botschaften. Ja, wir meckern und jammern zu viel, neiden den Nachbarn ihr dickeres Auto und fernere Reise. Und in Anlehnung an Lindners berühmtes Zitat: „Besser nicht regieren, als schlecht regieren“ drehte Meyer es nach dem Wahlchaos in Thüringen weiter: „Nicht regieren muss sich wieder lohnen“. Denn summa summarum würde Kemmerich für den Wimpernschlag seiner Amtszeit als Ministerpräsident 93 000 Euro bekommen. Geht natürlich nicht. Hat er auch abgelehnt. Aber nur mit guter Laune kann man der AfD und ihren Geistesbrüdern nichts Wirkungsvolles entgegenstellen.

Da setzte Chin Meyer mit seinem Lied, das nahezu ausschließlich aus AfD-Zitaten bestand, zum Schluss ein eindrucksvolles und klares Zeichen. Kabarett und Comedy zusammenzubringen, bleibt dennoch schwer. Und manchmal ist weniger mehr.

Von Silke Elsermann