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Carlsen-Debüt mit „Ezlyn“: Die Lüneburgerin Karolyn Ciseau publizierte bisher ausschließlich im Eigenverlag. Foto: ff

Verliebt in den eigenen Mörder

Lüneburg. Elf Romane hat Karolyn Ciseau bisher veröffentlicht und damit etwas geschafft, was nur ganz wenigen Autor(inn)en gelingt: Die Lüneburgerin kann von ihren Büchern leben. Wenn sie in den letzten Tagen in den Buchhandlungen herumstromerte und ihren (Künstler-)Namen suchte, dann ist das für Karolyn Ciseau alias Carolin Meissl trotzdem eine ganz neue Erfahrung: Bisher hat sie alle Bücher selbst produziert und vermarktet, an klassische Verlage keinen Gedanken verloren. Dann aber kam ein Angebot, das sie einfach nicht ablehnen konnte – und auf das sie vielleicht auch ein klein wenig gehofft hatte.

In ihren Mails fand Carola Meissl eine Anfrage vom Carlsen-Verlag, das muss der jungen Schriftstellerin ein wenig wie der berühmte Anruf aus Stockholm vorgekommen sein. Carlsen ist schließlich ein big name in der Fantasy-Branche, verlegt unter anderem die Bis(s)-Bücher von Stephenie Meyer und die Abenteuer des Harry Potter.

Eingriff in die historischen Abläufe

In den Blick der Hamburger Verleger geriet die Lüneburgerin durch eine Preisvergabe: Karolyn Ciseau war – unter mehr als 1200 Bewerbern – mit der Erzählung „Das Blatt des dunklen Herzens“ für den Kindle-Storyteller-Award nominiert und hatte nur zwei Konkurrenten. Auf der Frankfurter Buchmesse bekam sie den Award dann zwar nicht, aber die Print-Branche war aufmerksam geworden.

Bisher hatte die Autorin in rascher Folge vor allem den auf sieben Teile angelegten „Zeitenwanderer“-Zyklus geschrieben: Geschichten um die Studentin Alison, immatrikuliert im Fach Zeitreise. Das ist im Jahre 2062 keine graue Theorie, sondern aufregende Praxis. Einschränkung: Die Zeitreisenden können (eigentlich) nicht nachträglich die historische Abläufen beeinflussen. Aber dann beginnt die Grenze durchlässig zu werden.

Jetzt geht es erneut um den Eingriff in das Zeitgeschehen, es liegt diesmal aber in der Zukunft. „Ezlyn – Im Zeichen der Seherin“ (384 Seiten, 14 Euro) spielt in einer eher mittelalterlichen Welt. Die junge Titelheldin ist eine Todesseherin, kann das Ende eines jeden Menschen vorhersehen – auch das eigene. Sie soll eines Tages von einem Schattenkrieger ermordet werden, das sind Menschen, die, wenn sie wollen, durch bloße Berührung töten. Als Ezlyn unfreiwillig mit zwanzig Jahren in den Dienst einer reichen Adelsfamilie tritt, gerät sie an den Schattenkrieger Dorian. Sie verliebt sich in den schweigsamen und unnahbaren Mann, der eines Tages ihr Schicksal besiegeln könnte.

Entwurf Nummer drei wurde angenommen

Eine Story, die Karolyn Ciseau, selbst Jahrgang 1984, für junge Leserinnen schrieb. Zwei Urban-Fantasy-Plots legte die Autorin dem Verlag vor, die Carlsen nicht recht gefielen, Entwurf Nummer drei wurde angenommen. „Hereingeredet wurde mir da überhaupt nicht“, freut sich Karolyn Ciseau, die schließlich das unabhängige, selbstbestimmte Schreiben gewohnt war. In der Feinarbeit erwies sich die Lektorin durchaus als Hilfe, „mein Manuskript war komplett rot“, erinnert sich die Autorin, zuerst war sie wohl ein wenig erschrocken. Aber da ging es um Details, um den Sprachfluss in einigen Absätzen beispielsweise.

Bei Amazon haben die Titel von Karolyn Ciseau in der Kundenbewertung durchweg viereinhalb Sterne; Carlsens „Ezlyn“, die „düstere Romantasy“, sogar alle fünf. Eine endgültige Bestätigung, dass Carola Meissl (Ciseau ist übrigens das französische Wort für Meißel) zumindest mit der zweiten Berufswahl richtig liegt. Als junges Mädchen wollte sie Springreiterin werden.

Von Frank Füllgrabe