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Axel Bornbusch (v.l., Salon Hansen bzw. ClubKulturWerke), Matthias Meyer (Vorstandssprecher des Kulturforum-Vereins) und Jens Thomsen (Kulturzentrum One World Reinstorf). Fotos: A/t&w

Sie brauchen jetzt Solidarität

Lüneburg/Reinstorf. Corona wird die Kulturszene verändern. Sie ist in den vergangenen 25 Jahren in und um Lüneburg beständig reicher geworden. Jetzt müssen viel e ums Überleben kämpfen. Die LZ hat bei Verantwortlichen der drei aktivsten freien Veranstaltungsorte jüngerer Zeit nachgefragt. Position beziehen Matthias Meyer für das Kulturforum, Jens Thomsen für One World in Reinstorf und Axel Bornbusch für den Salon Hansen.

Bis wann ist alles abgesagt?
Salon Hansen: Bis auf Weiteres läuft nichts. Seriös kann man vorausschauend nix Konkretes sagen. Wir haben schon neu terminiert, aber immer so weit wie möglich nach hinten. Wann wieder erfolgreiche Veranstaltungen, also volle oder ausverkaufte, zu verantworten sind, ist nicht absehbar. Das ist dramatisch, weil Kultur im Normalfall nicht wirtschaftlich ist. Mit weniger Besuchern geht die Rechnung gar nicht mehr auf.
Kulturforum: Wir sagen nach und nach alles bis zum Sommer 2020 ab oder verschieben die Veranstaltungen…
One World: Vorerst haben wir alles bis Ende April abgesagt und werden dann Mitte April weiter entscheiden, da im Augenblick niemand belastbare Einschätzungen abgeben kann, wie lange Corona zu Betriebsschließungen zwingt.

Gibt es Forderungen von den Künstlern bzw. Fremdveranstaltern?
Salon Hansen: Da ist alles noch in der Schwebe. Die Krise trifft ja die gesamte Branche gleichermaßen, daher sind alle grad am Struggeln. Wir haben zu allen Veranstaltern ein gutes Verhältnis, und es bestehen keine Abhängigkeiten.
Kulturforum: Bislang gibt es noch keine Forderungen, diese werden erst kommen, wenn eine Veranstaltung storniert wird. Da muss sich klären, wie die Rechtslage ist, höhere Gewalt ist bei uns nicht eindeutig geklärt: Wer trägt welche Kosten usw.?
One World: Von den Künstler*innen und Bands, die einen jetzt abgesagten Auftritt bei uns geplant hatten, hat niemand eine Forderung an uns gestellt. Fremdveranstalter, die auf die Idee kommen könnten, Forderungen zu stellen, gibt es bei uns nicht. Wir planen alle Veranstaltungen nach unserem Konzept und nicht danach, wieviel Geld man mit Vermietungen des Hauses verdienen könnte.

Mussten Sie Mitarbeiter entlassen?
Salon Hansen: Das sind alle 450-Euro-Jobber, nur ein Festangestellter und ein Midi, beide in Kurzarbeit.
Kulturforum: Nein, wir haben nur Aushilfen und Freiberufler, die haben jetzt eigene Probleme, die wir nicht lösen können.
One World: Bisher nicht, unsere Rücklagen reichen gerade noch. Und wir werden alles dafür tun, damit das nicht nötig wird. Insbesondere die fünf jungen Menschen, die gerade eine Einstiegsqualifikation bei uns begonnen haben, wollen wir vor Entlassung schützen. Es sind drei Geflüchtete aus dem Iran, Kolumbien und Mali sowie zwei Deutsche, die bei uns ein Programm aus theoretischer und praktischer Arbeit durchlaufen. Wir haben jetzt den theoretischen Teil vorgezogen, da vorläufig die praktische Ausbildung untersagt wurde. Bestandteil dieser Ausbildung sollen auch Hilfs-Projekte für bedürftige Menschen im Landkreis sein.

Ist überschaubar, bis wann Sie durchhalten können?
Salon Hansen: Eigentlich gar nicht. Aber da alles auf Eis liegt, kann die Situation nicht normal bewertet werden. Wir gehen davon aus, dass es in der nächsten Zeit keine Insolvenzverfahren geben wird.
Kulturforum: Bis zum Sommer 2020 und wenn dann weiter alles geschlossen bleiben muss, dürfte das wohl erstmal das Ende sein, da alle fixen Kosten ja weiter laufen….
One World: Grundsätzlich gehen wir erstmal davon aus, dass One World die Krise – wenn auch mit großen Anstrengungen – überleben wird. Wir haben unsere 130 Förder-Mitglieder gebeten, ihre monatlichen Beitragszahlungen einmal vorab als Jahresbeitrag zu leisten. Wer es im Team kann, verzichtet auf sein Gehalt oder einen Teil. Wir haben eine Kampagne gestartet für den Kauf von Gutscheinen über 10, 25 oder 50 Euro für die Zeit nach der Betriebspause. Unsere Vermieterin kommt uns mit der Miete entgegen. Wir haben auch einen Aufruf unter befreundeten Musikern der Region gestartet, uns beim Erhalt dieser Bühne zu unterstützen.

Welche Hilfe bräuchten Sie jetzt?
Salon Hansen: Zutrauen, Vertrauen, Geld, Geduld.
Kulturforum: Zuschüsse, die alle derzeitigen Kosten abdecken, da der Umsatz komplett ausgefallen ist, da auch zur Zeit keine weiteren Tickets für zukünftige Veranstaltungen gekauft werden. Kredite nützen uns nichts, da wir als Verein keine aufnehmen dürfen. Und wenn jetzt viele Kartenkäufer ihr Geld zurückverlangen, ist es ganz schnell aus: Wer unseren gemeinnützigen Kulturverein unterstützen und erhalten möchten, kann auf die Rückabwicklung der Ticketkäufe verzichten.
One World: Als allererstes weiter so viel Zuspruch, weil es uns den Mut gibt, auf die eigenen Kräfte zu bauen. Zum anderen hoffen wir, dass die zugesagten und insbesondere von der Kulturstaatsministerin vehement geforderten Zuwendungen bei freiberuflichen Kulturschaffenden und Kleinunternehmen des Kulturbetriebes „schnell und unbürokratisch ankommen“, wie es immer so schön heißt. Wir fänden es auch sehr gut, wenn uns das eine oder andere große Unternehmen Gutschein-Kontingente abnimmt, das würde richtig gut helfen.

Gibt es etwas, das Ihnen Mut macht?
Salon Hansen: Als Kulturschaffender ist man permanent Krise und Mangel gewöhnt, vielleicht hilft uns diese Erfahrung. Wenn es wieder bergauf geht, rechnen wir fest mit der Solidariät der Lüneburger und der Stadt.
Kulturforum: Die Hoffnung, dass in Zukunft sich einiges in der Politik und Wirtschaft ändert, damit wir nie wieder vor so einem Dilemma stehen.
One World: Von Mitgliedern, Gästen und Künstler*innen bekommen wir tolles Feedback sowie praktische und ideelle Unterstützung. Teilweise sagen uns Besucher, dass sie, selbst wenn das jeweilige Konzert nicht wiederholt würde, die bereits gezahlten Eintrittsgelder nicht zurückhaben wollen. Und dann mal ganz im Ernst: Ich finde nicht, dass wir angesichts unserer überschaubaren Probleme mutlos sein dürfen, wenn Menschen in ärmeren Ländern unter ungleich schwereren Bedingungen ihr Leben zu meistern haben.

Von Hans-Martin Koch