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Direktor Dr. Joachim Mähnert allein in der Gemäldegalerie: Publikumswirksame Museums-Arbeit verlagert sich ins Netz, Dr. Jörn Barfod beispielsweise wird per Video-Clip eine prächtige Schreinmadonna (kleines Foto) vorstellen. Foto: t&w

Die Rekord-Ernte ist verschoben

Lüneburg. Es lief gerade so gut: Alle wollten Käthe Kollwitz sehen, die Besucher drängten in die Kabinettausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums, Führungen waren regelmäßig überbucht, Abendveranstaltungen und Kindergeburtstage begehrte Termine. Das Jahr 2020 im neugestalteten Museum schien ein Besucher-Rekordjahr zu werden, dann kam Corona. Natürlich ist das Haus geschlossen, erstmal bis 20. April. Direktor Dr. Joachim Mähnert sitzt als Vorbild daheim, Home-Office: „Was uns richtig wehtut, ist die Unterbrechung der internationalen Kontakte. Persönliche Begegnungen lassen sich nicht durch E-Mails ersetzen.“

Zuletzt war Dr. Mähnert zu Gast in Lüneburgs estnischer Partnerstadt Tartu, im Rahmen der Reihe „Deutscher Frühling“, die sich diesmal um das Bundesland Niedersachsen drehte – „da bin ich gerade noch herausgekommen.“ In drei Wochen sollte es nach Litauen gehen, dort waren Ausstellungen über den Maler Horst Skodlerrak geplant, der gerade im Ostpreußenmuseum vorgestellt wird. Auch ein Besuch Kaliningrads im Vorfeld des Jubiläums von Immanuel Kant (1724-1804) ist gestrichen.

Die Einnahmen aus Eintritt und Museums-Shop fallen weg. „Wir wollten in dem neugestalteten Haus jetzt die Ernte einfahren – aber natürlich klage ich hier auf hohem Niveau“, betont Dr. Mähnert. Das Team der Wissenschaftler ist vom Ausbleiben des Publikumverkehrs und von der ungewohnten Stille in den Räumen kaum berührt. In der Umbau-Zeit 2015 bis 2018 war es schließlich ähnlich.

Der Audio-Guide soll sich auch an Kinder richten

Gearbeitet wird nun an den noch fehlenden Drei-Minuten-Texten für die Medienstationen und am Audio-Guide: Den soll es in deutscher Sprache in verschiedenen Sonderausführungen geben, für Kinder beispielsweise, dazu in englisch, russisch und polnisch. Vertraut machen sich die Kuratoren mit der Video-Arbeit vor der Kamera: In YouTube-Clips stellen sie ihre Lieblingsobjekte vor. Dr. Jörn Barfod beispielsweise, zuständig für Kunstgeschichte, hat sich für eine 1,32 Meter hohe Schreinmadonna des Deutschen Ordens um 1400 entschieden: Ihr Mantel lässt sich wie ein Altar aufklappen, das dominierende Mittelbild zeigt Gottvater auf dem Thron, den Kruzifix präsentierend.

Ausstellungen sind aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Eine Präsentation historisch-dokumentarischer Fotos beispielsweise, sie zeigen Königsberg vor und nach der Zerstörung im Jahre 1945. Bereits aufgebaut ist eine Ausstellung rund um die Arbeit des Tierfilmers und Autoren Heinz Sielmann (1917-2006), sie wird wohl nach Wiedereröffnung mit verkürzter Laufzeit gezeigt. Dafür zuständig ist Dr. Christoph Hinkelmann. Der Biologe kümmert sich im Rahmen des Jubiläums 75 Jahre Kriegsende, zu dem es auch eine gemeinsame Ausstellung mit dem Nordost-Institut geben wird, um das Thema „Das Ende der Trakehner Pferde“, und um Walter von Sanden-Guja (1888-1972): Der Naturforscher und Schriftsteller veröffentlichte unter dem Titel „Zugvögel“ ein Buch über die Flucht 1945 aus Ostpreußen.

Und weil Museums-Menschen gewohnt sind, in größeren Zeiträumen zu denken, sammelt Dr. Hinkelmann schon mal Material für eine Ausstellung über die diversen Erscheinungsformen des Elches in unserer Wahrnehmung. Wir erinnern uns an den Elchtest (Mercedes) und an den Zweizeiler „Die schärfsten Kritiker der Elche/waren früher selber welche.“ Damit würde das Ostpreußische Landesmuseum auf eine zweite Kernkompetenz verweisen, denn das Gedicht ist von Bernstein.

Von Frank Füllgrabe