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Karin Greife, hier in ihrem Atelier, lässt sich die Zuversicht nicht nehmen. Foto: be

Angst hilft nicht

Lüneburg. Frei arbeitende Kunstschaffende sind extrem von der Krise betroffen. Karin Greife und Jan Balyon zählen, auf ganz unterschiedlich e Weise, zu den Präsentesten in der Lüneburger Künstlerszene. Karin Greife ist vor allem mit ihren Lüneburg-Bildern bekannt, gerade hat sie ein größeres Atelier in der Kulturbäckerei bezogen. Jan Balyon, der neben der Malerei weitere künstlerische Projekte betreibt, unterhält ein Atelier in der Altstadt. Beide sind dank ihres Selbstmarketings gut vernetzt und müssen nun aber wie alle, die von ihrer Kunstarbeit leben wollen, um ihre Existenz kämpfen.

Malt man anders, wenn die Welt um einen herum ins Wanken gerät?
Karin Greife: Die letzte Woche konnte ich mich aufs Malen nicht wirklich konzentrieren, weil ich sehr viel nachgedacht habe und außerdem mit der Überarbeitung meiner Webseite beschäftigt war. Nun habe ich mit einem neuen Gemälde begonnen. Da fühlte ich mich wie immer – beim Malen vergesse ich Zeit und Raum.
Jan Balyon: Das Malen wird intensiver. Es ist wie auf einer Insel zu sein, auf der man zu Hause ist. Wenn die Welt am Wanken ist und wie ein Orkan wütet, dann ist das Malen das Auge. Die Stille und Ruhe, es kommt ein Gefühl von Zeitlosigkeit auf.

Wie spiegelt sich die Krise in Ihrem Alltag?
Karin Greife: Gerade fühle ich mich jeden Tag ein wenig wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Die Tage sind etwas monotoner geworden, und mir fehlen meine Freunde, schwimmen gehen, essen gehen, ins Kino gehen, Partys feiern etc. Auf der anderen Seite genieße ich die Ruhe und die Zeit mit meiner Tochter und freue mich für die Natur, die von alldem profitiert. Ich hoffe, dass wir danach alle gemerkt haben, dass wir vieles nicht brauchen. Wenn man weniger Sorgen hätte um die Zukunft, wäre dieses Zeit eigentlich sehr erholsam. Und ich koche öfter, wenn auch nicht besonders gern.
Jan Balyon: Die Krise wird am Anfang nicht so intensiv wahrgenommen. Dann aber wird es ernst, und ich realisiere, wie schlimm die Situation ist. Es folgen Sorgen, nachdem Auftritte, Seminare gecancelt werden und alles still steht. Andererseits erfahre ich auch positive Seiten. Ich bin auf mich zurückgeworfen und denke viel nach über mein Leben. Alles wird neu beleuchet. Es ist auch eine Dankbarkeit, die in mir aufkommt. Zum Beispiel, wie reich wir sind und dass wir alles haben. Ich erfahre außerdem im Netz ein intensives Mitgefühl von Freunden.

Können Sie Ihre laufenden Kosten wie die Ateliermiete auf Dauer tragen?
Karin Greife: Eine Zeit lang komme ich aus mit meinen Rücklagen, wenn ich sehr sparsam bin. Es ist natürlich schade, dass die Kulturbäckerei geschlossen ist und wir keinen Publikumsverkehr haben können. Hier hatte ich immer viele Kunden. Aktuell habe ich noch Auftragsgemälde und zudem nach wie vor Bestellungen in meinem Online-Shop für Kunstdrucke. Meine Reproduktionen kann man auch auf anderen Plattformen kaufen, zum Beispiel im Kaufhaus Lüneburg der LZ oder bei Kunstkopie. Beim Kaufhaus-Shop kamen in den letzten Tagen mehr Bestellungen ein als sonst. Das erkläre ich mir auch damit, dass die Kunden mehr darüber nachdenken, regionale Unternehmen zu unterstützen. Malkurse gebe ich aktuell virtuell per Video und FaceTime als Einzelunterricht. Die diesjährige Malreise musste ich schweren Herzens stornieren, und mein Nebenjob beim Scala-Kino, den ich seit 20 Jahren mache, fällt aktuell ja leider weg – aber noch kann ich das auffangen.
Jan Balyon: Die Ateliermiete ist auf die Dauer nicht tragbar, und das macht mir höllisch Sorgen, denn das ist meine Lebensader, dort zu arbeiten. Es ist auch ein Platz, an dem man sich trifft, an dem kleine kulturelle Abende entstehen. Ich denke auch, dass viele Besucher und die Stadt diese kleine Perle, an der ich schon zehn Jahre kreativ sein konnte, vermissen werden. Bis jetzt konnte ich das Atelier ohne Gewinn halten – durch Auftritte und Kurse geben. Künstlerleben ist wie ein Patchworkdecke. Allein von den Bilder zu leben, ist utopisch und unrealistisch. Wenn es länger dauern wird, wird es schwierig, aber ohne Kampf werde ich es nicht aufgeben.

Haben Sie, falls es ganz kritisch wird, einen Plan B?
Karin Greife: Ich hab mir angewöhnt, immer einen Plan B zu haben, weil sich in meinem Leben schon ein paar Mal beruflich alles abrupt geändert hat. Außerdem fällt mir immer etwas ein.
Jan Balyon: Ich sage immer, was auch geschieht, solange ich meine Finger bewegen kann, werde ich malen. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe. Ich kann immer noch mit der Staffelei einen Platz finden in dieser schönen Stadt, an dem ich malen kann, auch wenn es auf der Straße ist. Kreativ denken ist immer die Lösung.

Was macht Ihnen Mut?
Karin Greife: Dass die Krise auch ihren Sinn hat – in vielen Dingen.
Jan Balyon: Mut macht mir meine Künstler-Partnerin Yarica von der Osten-Sacken, die gerade in dieser Zeit mit mir neue Pläne schmiedet für eine neue Theaterperformance, und wir nutzen die Zeit, um einen Lyrikband zu gestalten. Da hilft die Kommunikation im Netz. Wir machen uns gegenseitig Mut und hoffen, in diesem Jahr noch viel zusammen zu arbeiten. Angst hilft nicht, sondern Mut, die Dinge so zu nehmen, wie sie gerade sind, also packen wir die Gelegenheit.

Von Hans-Martin Koch