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Astrid Kirchherr
Die Fotografin Astrid Kirchherr in einer Ausstellung über John Lennon. Durch ihre Beatles-Fotos wurde sie bekannt. (Foto: A/Ulrich Perrey)

Sie prägte das Bild der Beatles

Hamburg. Es ist 60 Jahre her, da schrieb sich eine Hamburger Meisterschülerin für Mode, Textil, Grafik und Werbung in die Geschichte der Popmusik ein. Astrid Kirchherr schoss die ersten professionellen Fotografien der Beatles. Kirchherrs Freund, der Grafiker Klaus Voormann, hatte sie mit zur Band in den Kaiserkeller auf dem Kiez genommen. Jetzt ist Astrid Kirchherr, die seit vielen Jahren zurückgezogen lebte, in Hamburg gestorben, mit 81 Jahren. Die bisher letzte Ausstellung mit Bildern von ihr war in Lüneburg zu sehen.

Die Beatles, die in Hamburger Kellerclubs spielten, in feuchten Garderoben und Kinos schliefen, das waren John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Pete Best und Stuart Sutcliffe. Klaus Voormann stieß nach einem Streit mit seiner Freundin in einer Oktobernacht 1960 auf die Band. Voormann war in den Kaiserkeller geraten und fasziniert von dem, was er hörte und sah. Mit Astrid Kirchherr und ihrem gemeinsamen Freund Jürgen Vollmer kamen sie bald zu dritt. Astrid Kirchherr mochte bis dahin die softe Musik von Nat King Cole und Stan Getz. Aber nun: ,„Es traf mich wie der Blitz, denn einer der ’Rocker’ sah besser aus als der andere, und ihre Musik haute einen schlicht um“, schrieb Astrid Kirchherr 2001 in Ulf Krügers „Beatles Guide Hamburg“.

Man trug schwarz

Kirchherr, zu der Zeit Assistentin des Fotografen Reinhart Wolf, holte die Band Anfang November 1960 vor die Kamera. Man trug schwarz, den Look der Existenzialisten. Man guckte cool in die Welt, als wäre sie egal, Licht und Schatten dramatisierten die Porträts. Die Fotos sind längst Klassiker.

Dass die Beatles bei den Kirchherrs in der Eimsbütteler Straße 45a Wiener Schnitzel aßen statt Junk Food auf dem Kiez, dass sie häufig zu Gast bei den Kirchherrs waren, dass sich lebenslange Freundschaften entwickelten, dass in der Clique der Pilzkopf-Look der Beatles entstand, das gehört zu den legendenreichen frühen 60er-Jahren dazu.

Bassist Stuart Sutcliffe verliebte sich in die zwei Jahre ältere Astrid Kirchherr, löste sich von den Beatles, blieb in Hamburg, das Paar verlobte sich. Sutcliffe studierte Kunst, starb aber schon im April 1962 an einer Gehirnblutung. Der Film „Backbeat“ (1994) erzählt die tragisch endende Liebesgeschichte, Sheryl Lee spielte Astrid Kirchherr, Stephen Dorff übernahm den Stuart Sutcliffe, Kai Wiesinger den Part des Klaus Voormann, der zeit ihres Lebens mit Astrid Kirchherr befreundet blieb.

Die Show war für sie gelaufen

Astrid Kirchherr griff nach den frühen Beatles-Fotos nur noch ganz selten zur Kamera. 1967 heiratete sie den Musiker Gibson Kemp, der in der Band von Rory Storm spielte, die im Kaiserkeller im stündlichen Wechsel mit den Beatles auftrat. Kemp ersetzte da den Drummer Ringo Starr, als der zu den Beatles wechselte.

Astrid Kirchherr zog sich jedoch zunehmend zurück. Die Show war für sie gelaufen, 2011 verkaufte sie ihr Foto-Archiv nach Amerika. Ihre Fotos waren weltweit zu sehen, sind in etlichen Büchern dokumentiert. Einige Kirchherr-Aufnahmen waren dabei, als im Herbst 2019 „The Golden Age Of Rock ’n’ Roll“ in der Kulturbäckerei Lüneburg präsentiert wurde, vor allem mit Aufnahmen von Volker Hinz und Günter Zint.

Und Beatles-Biograph Mark Lewisohn postet einen auch von Paul Mc Cartney auf Facebook geteilten Nachruf auf die Hamburgerin: „Intelligent, inspirierend, innovativ, wagemutig, kunstvoll, wach, bewusst, schön, klug, liebevoll und eine wunderbare Freundin für viele. Ihr Geschenk an die Beatles war unermesslich.“

Von Hans-Martin Koch