Aktuell
Home | Kultur Lokal | „Frau Müller muss weg“ feiert Premiere
Zur Attacke auf Klassenlehrerin Frau Müller (Britta Focht) bläst Elternvertreterin Jessica Höfel (Maike Jebens) und weiß hinter sich Wolf (Paul Brusa), Marina (Beate Wiedenhammer), Katja (Tülin Pektas) und Patrick (Fabian Kloiber). Foto: t&w

„Frau Müller muss weg“ feiert Premiere

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Vierte Klasse, Krisengebiet. Es tobt die Schlacht der Entscheidung. Auf der einen Seite Jessica, Katja, Wolf, Marina und ihr Mann Patrick. An diesem Abend sind sie von Beruf: Eltern! Der härteste Beruf der Welt. Auf der anderen Seite: Sabine Müller, Grundschullehrerin. Der hilfloseste Beruf der Welt — an diesem Abend. Vielleicht. Frau Müller heißt in Abwesenheit bei den Eltern nur noch „die Müller“. Fällt der Respekt, wird der Mensch zum Ding. Für die Eltern, die alles, alles, alles tun werden, damit ihr einzigartiges Kind aufs Gymnasium kommt, steht fest: „Frau Müller muss weg“. So heißt eine Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, ein Hit auf Bühne und Leinwand. Jetzt ist sie schlank, witzig und wahr im Theater Lüneburg zu erleben.

Die Geschichte ist simpel. Es rumort in der Klasse, die Noten sacken ab. Schuld kann nur die Frau Müller haben, die Klassenlehrerin. Die Eltern haben beschlossen, dass sie die Klasse abgeben muss, an diesem Abend werden sie es ihr beibiegen. Sie habe die Klasse nicht im Griff, sei überfordert, habe doch bestimmt Burnout, was bei Lehrern ja so oft der Fall sei. So werden sie es ihr sagen. Aber Sabine Müller beißt zurück, und dann wird diese Komödie ein paar hübsche, einigermaßen erwartbare Irrungen und Wirrungen bekommen.

Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Ausstatterin Swana Gutke hat die Bühne in eine Tafel verwandelt, ein starkes Bild. Am Rand hängt ein Kastanienmännchen, und was die lieben Kleinen sonst so Undefinierbares basteln. Nebel steigt auf, Pink Floyd singt „We dont need no education“, und aus der Elternhölle steigen die Wutväter und -mütter auf. „Das nächste Zeugnis entscheidet“, tönt Wolf Heider (Paul Brusa). „Ich werde sprechen“, dekretiert Jessica Höfel (Maike Jebens). Sie ist sowas wie eine Ministerialdirigentin, das Dirigieren und die Angriffspose liegen ihr im Blut. Scharf, knapp und klar solle es zugehen. Die anderen mögen schweigen.

Frau Müller kommt. Wickelkleid, Strickjacke, Stiefel, Ledertasche. Irgendwie nett. Frau Müllers sind an jeder Grundschule zu treffen. Britta Focht spielt diesen Typus fast erschreckend realistisch. Sie zeigt eine Lehrerin, die weiß, was sie tut, die weiß, dass sie ihren Job beherrscht. Sabine Müller kennt íhre Klasse, mag „ihre“ Kinder und weiß mehr über Laura, Janine, Lukas und Fritz als deren wütenden Eltern.
Es liegt aber auch ein leicht verbitterter Zug im Gesicht der Pädagogin, den haben der Lärm der Jahre hineingezeichnet, die Einsamkeit beim Klassenkampf und die Missachtung. Frau Müller wird verhärten an diesem Abend, sie wird kämpfen, ihre Verletztheit verbergen und doch offenbaren. Das spielt Britta Focht alles so echt wie nur denkbar. Dass sie in der schwächsten Szene des Stückes plötzlich recht distanzlos agieren muss, dafür kann das Stück was, nicht die Schauspielerin.

Regisseurin Bettina Rehm hat den Stoff exakt zugeschnitten. Es gibt keinen Schlenker zu viel, keine verdrechselte Überhöhung. Rehm rückt das Nebenthema Ossie/Wessie nicht in den Vordergrund, eine gute Entscheidung. Keine zwei Stunden dauert der ab und an von Musik aufgebrochene Abend in der 4b, er ist ein unterhaltsamer Triumph der Typen. Denn natürlich entblättern sich die so kampfentschlossen auffahrenden Eltern nach und nach.

Sie reden viel und sagen wenig

Maike Jebens (als Jessica Höfel) spielt mit Biss die Powerfrau, der es nur um das Gelingen des Plans geht. Sie wechselt ihre Feind/Freund-Bestimmung so schnell wie machtgeile Politiker. Ihre Tochter Laura ist ihr eher lästig, sie soll einfach funktionieren.
Den Gegenpart verkörpert Beate Weidenhammer, ihre Marina Jeskow wird physisch und psychisch von Hitzewallungen regiert. Sie schäumt auf und sackt in sich zusammen, sie ist Öko, Gutmensch und ein Bündel widerstrebender Emotionen. Fabian Kloiber als ihr gereizter Gatte Patrick rauft sich die Haare, streitet, redet viel und sagt wenig. Dass ihr Sohn Lukas versucht, als Klassenclown und Klopper Bestätigung zu finden, ist ihnen ein Zeichen seiner Unterforderung als enorm Begabter. ADHS lautet die Gegendiagnose — Aufmerkamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung.

Dann sind da noch Katja und Wolf. Sie hatten mal eine Affäre, und Wolf, der seine Frau nie verlassen würde, baggert weiter. Er schüttet sonst seine Tochter Janine mit Lernprogrammen zu und verliert schon mal die Kontrolle über sich. Paul Brusa spielt einen Mann, der anderen immer zu nah kommt, der lautstark Umgangsformen einfordert und gleichzeitig ein Kaugummi unter den Sitz klebt. Tülin Pektas als Katja ist die Ruhige im Wutquintett. Ihr Sohn Fritz, der sich vor allen verkapselt, hat gute Noten, aber Katja will ja solidarisch sein. Tülin Pektas spielt diese Frau mit der größten Beiläufigkeit, alle anderen schieben ihre Figur stärker in Richtung Karikatur.

Es bleibt alles Komödie. Sie lehrt, dass Besserwisser und Kritikaster vor allem ein Problem mit sich selbst haben. Eltern sind da sehr gefährdet.

Das Publikum im ausverkauften Haus applaudiert begeistert.