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Da sind sie, alle Komödien von Shakespeare: Martin Skoda, Felix Breuel und Martin Andreas Greif (v.l.) werden sie in einem Rutsch zusammenfassen. Foto: theater/tonwert21

Der Glucks-Faktor

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Es geht natürlich immer noch etwas kürzer. Ganz kurz. Echt. Wollte man allerdings Shakespeares gesamtes Werk auf die Bühne bringen, hätte man fünf bunte Tage und fünf dunkle Nächte vor sich, anders gesagt 37 Theaterstücke mit 1834 Rollen und obendrein 154 Sonette. Sich das anzutun, wäre ein durchaus angemessenes Vorhaben im 500. Todesjahr des größten Dramatikers aller bekannten Zeiten. Aber es geht auch kürzer, was der Reduced Shakespeare Company, kurz RSC, zu verdanken ist, und was jetzt als Lüneburger Produktion im T.NT des Theaters zu erleben ist.
Die RSC-Truppe hatte zunächst mit vier Akteuren „Hamlet“ in 30 Minuten auf die Straße gelegt. 1987 machte sie kurzen Prozess: „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ heißt das Ergebnis. Das braucht also keine 120 Stunden, sondern in Matthias Herrmanns Lüneburg-Inszenierung 130 Minuten. Es könnte noch etwas kürzer sein, aber es geht gut. Sehr gut sogar. Meistens.
Fürchterlich albern, urkomisch, herrlich absurd
Matthias Herrmann ist der Mann für die etwas schrägeren Komödien. Drei Spieler hat der Regisseur diesmal zur Verfügung, mehr braucht es nicht. Das Trio stellt sich eingangs vor, alles höchst seriös: Felix Breuel, Martin Andreas Greif und Martin Skoda laufen sich mit Sicherheitshinweisen und wissenschaftlicher Expertise warm, dann brechen alle Dämme. Es wird pausenlos fürcherlich albern, urkomisch, völlig verrückt, herrlich absurd, und vor allem wird es schnell. Sehr schnell. Schön, dass manchmal das Brausen stoppt und ein Monolog in Ruhe gesprochen wird. „Den streichen wir“ heißt es dann. Weiter geht die wilde Fahrt.
Das Trio schaufelt und wühlt sich durch Shakespeares Verse und Figuren. Es rafft Dramen, Akte und Auftritte zusammen, es baut schnell noch was um und tritt in Streik „das spiel ich nicht!“. Immer wieder wird so das Spiel selbst thematisiert. Das Publikum darf und muss ebenfalls einiges mitmachen. Zum Beispiel schreien, wofür Sabine S. bei der Premiere Maßstäbe setzt.
Simone Anton-Büntings Bühnenbild lässt den Akteuren viel Platz, es braucht nur wenige Requisiten, wesentlich ist ein Stuhl, der Raumteiler sein kann. Wesentlich ist auch das Licht (Thomas Schulz). Herrmann und sein Team haben enorm gearbeitet. Breuel, Greif und Skoda bilden ein geschlossenes Team mit hohem Körpereinsatz, sie sind Charmebolzen und Kotzbrocken und beides zugleich. Sie wechseln Rollen in Sekunden, verlieren die Perücke, als wärs einstudiert. Was es vielleicht ja auch ist. Dabei mahlen sie Shakespeares derbe und poetische Sprache klein und hacken Gags wie andere Holz mal grob, mal fein. Matthias Herrmann baut tagesaktuelle Anspielungen ein, etwa auf Donald Trump, dabei geht es natürlich um dessen Kernkompetenzgebiet Sex.
Historiendramen werden als Fußballspiel ausgetragen
Alle Komödien schrumpfen in eine, die Sonette passen auf ein Blatt DIN A 6. Die Historienstücke werden als Fußballspiel ausgetragen, was eine der schwächeren, vorwiegend chaotischen Nummern im Programm ist. Wie bei den Komödien zeigt sich hier das Manko des Stücks: Bei Shakespeare-Stoffen, in denen der Zuschauer nicht zu Hause ist, gehen die Gags schnell unter, bleibt das Spektakel eine Hohlform. Haben Sie „Titus Andronicus“ drauf, „Troilus und Cressida“? Gut also, dass am Anfang „Romeo und Julia“ verhackstückt wird, und der ganze zweite Teil „Hamlet“ gehört. Mehrfach! Und jedesmal geht es etwas kürzer. Sehr kurz! Und rückwärts, was ziemlich sensationell ist!
Das Publikum geht mit, es kann nicht anders. Man muss sich ein wenig in das Stück hineinfallen lassen, dann wird es gut. Der Lach- und Glucksfaktor im Saal ist jedenfalls hoch, der Beifall groß. Dieser Abend ist ein wuseliger Gegenentwurf zum „Hamlet“-Schwergewicht auf der großen Bühne (wieder am Sonnabend, 5. November). Was zu lange währt im Lande Shakespeare ist, das wird in aller Kürze gesagt wieder am 3.11. eingedampft. 20 Uhr. T.NT.