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Anne Hamilton im Gespräch mt Hans Christoph Buch, dem Reisenden unter den deutschen Autoren. Foto: t&w

Vom Erfahren der Welt

Lüneburg. Das Wort Erfahrung hat bei Hans Christoph Buch einen besonderen Klang und eine wortgetreue Bedeutung. Kein deutscher Schriftsteller hat die Welt so intensiv bereist wie der heute 72-Jährige. Keiner hat sich so in die Krisengebiete gestürzt und daraus literarische Reportagen gebaut. Sie erscheinen in großen Zeitungen und weiten sich zu Buchlänge. Buch ist ein ungeheuer produktiver Autor, und nun schaut er nicht nur in die weite Welt, sondern zugleich in die seiner Familie. Im Heinrich-Heine-Haus stellt Buch das Ergebnis vor.

„Elf Arten, das Eis zu brechen“ heißt der Roman, in dem Buch von der Arktis in die Antarktis führt. Dazwischen reißt Buch die Geschichte seiner Familie an, immer mit dem Blick auf die eigene Perspektive. Es mag das fortschreitende Alter sein, das den Autor dazu treibt, den in Episoden fragmentierten Roman unter die üblichsten aller Leitfragen oder gar Leidfragen zu stellen: Wo bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

„Der beste Weg von A nach B ist keine gerade Linie“ Hans Christoph Buch, Reiseschriftsteller

Hannelore Krome von der Literarischen Gesellschaft hatte Buch als Reisereporter unter den Schriftstellern begrüßt. Hans Christoph Buch wird von unstillbarer Neugier getrieben. Er hat in seinem Leben und Lesen mehr erfahren als er wiedergeben kann. Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen sprudeln aus ihm heraus. Dabei streift sein Blick über die Zuhörer hinweg ins Ferne, als suche er dort einen Halt. „Habe ich wieder zu viel erzählt?“, fragt er einmal Moderatorin und Lektorin Anne Hamilton.

Von Gruppe 47 eingeladen

Zum Schreiben kam Buch sehr früh. Mit nur 19 Jahren wurde er zur Gruppe 47 geladen, und auch darüber erzählt er Humorvolles mit Grass, Weiss und Kollegen. Es wurden später vor allem die Länder der Dritten Welt, die Buch bereiste und in ihren Widersprüchen und Abhängigkeiten beschrieb. Haiti lässt ihn nicht los, mit dem Land verbindet ihn die Geschichte seiner Familie.
Buch nimmt trotz früher Anerkennung eine Sonderrolle im literarischen Betrieb ein. Aus seinen präzisen Beobachtungen zu Exotik, Gewalt und Politik, seiner Mischung aus fotogenauer Reportage und literarischer Bearbeitung erwachsen Texte, die wie ein eigenes Genre wirken. Sie sind nicht frei von manchmal banalen Wendungen und plakativen Aussagen. Seine Entdeckerfreude am Absurden, sein Fundus an Geschichte und Geschichten sowie seine erzählerische Lust wiegen das mehrfach auf.

In den „Elf Arten“ bedient sich Buch bei allen möglichen literarischen Formen bis hin zu lyrischer Prosa. Das Buch zeigt Züge einer Collage, der Autor spricht selbst vom Kaleidoskopieren, aber: „Das Zentrum bin ich“. Drumherum legen sich Kreise des Erzählens, in denen die Welt in all ihrer Verletzlichkeit aufscheint. „Der beste Weg von A nach B ist keine gerade Linie“, sagt Hans Christoph Buch und preist den Um- und auch den Irrweg.

Von Hans-Martin Koch