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Belagerung Mutlangen (1983), links im Bild ist Heinrich Böll als einer der Sprecher der Friedensbewegung zu erkennen. Foto: klemm

Nie ohne das Drumherum

Tosterglope. Ihr wohl meistzitiertes Foto zeigt zwei grauhaarige Herren bei einem innigen Kuss: Leonid Breschnew und Erich Honecker im Jahre 1979 auf dem 30. Jahrestag der DDR in Berlin. Das Polit-Pärchen ist meist als Nahaufnahme zu sehen, tatsächlich knutschen die beiden vor einer ganzen Riege von Funktionionären. Wie auch immer: Barbara Klemm schuf mit dem „Bruderkuss“-Foto eine Ikone des Foto-Journalismus, und es ist nur eines von vielen berühmten Bildern, mit denen sie zu einer der Größten ihrer Zunft wurde. Eine Auswahl von 50 Arbeiten ist ab heute im Kunstraum Tosterglope zu sehen.

Die wichtigen Momente der Geschichte dokumentiert

Konzipiert hat die Ausstellung denn auch kein Kurator, sondern ein Journalist: Michael Hübl, Kultur-Ressortchef der „Badischen Neuesten Nachrichten“, hat mit Barbara Klemm daheim lange in Pappkartons gewühlt und eine Auswahl getroffen, die verschiedene Facetten der Künstlerin beleuchtet. Es geht um wichtige Momente der Geschichte, die Barbara Klemm dokumentiert, „und es geht es um ihren ästhetischen Anspruch, der in jedem ihrer Bilder spürbar ist“, so Michael Hübl.

Barbara Klemm
Barbara Klemm

Der Fotoapparat wurde ihr in die Wiege gelegt: Barbara Klemm, 1939 in Münster als Tochter des Karlsruher Kunstprofessors Fritz Klemm geboren, versuchte sich schon früh daheim in der Dunkelkammer. Sie absolvierte eine Fotografenlehre, arbeitete zunächst im Fotolabor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde schließlich Redaktionsfotografin der F.A.Z. und blieb es bis zu ihrem Wechsel in den Ruhestand 2005. Barbara Klemm erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, unter anderem den Orden pour le mérite. Große Galerien zeigen ihre Bilder, sie reist aber auch gern zu den kleinen Schauplätzen der Kunst, zum Beispiel nach Tosterglope.

„Schwarzweiß ist Farbe genug!“ Barbara Klemm, Fotografin

Schnappschuss oder Komposition?

Ihre Arbeiten wirken oft zunächst wie Schnappschüsse mit der Aura des richtigen Augenblicks, und offenbaren erst auf den zweiten Blick die perfekte Komposition. Es gibt kaum reine Porträts, sie zeigt die Reichen, Mächtigen und Berühmten dieser Welt stets eingebettet in Szenarien, die von der Komplexität der Situation künden Willy Brandt und Helmut Schmidt beispielsweise, die wiederum auf einem Parteitag in den Siebzigern in sich versunken nebeneinander und doch voneinander abgewandt sitzen. Es gibt offensichtlich nichts mehr zu sagen.

Ihre wahren Helden aber sind anonyme Alltagsgestalten, das zeigen etwa zwei (in Tosterglope ausgestellte) Aufnahmen in Kunstmuseen: Eine blickt auf einen kleinen Jungen, der sich hinter dem Rücken seiner Eltern auf eine Besucherbank fläzt, die Ölschinken langweilen ihn schrecklich. Eine andere zeigt eine Seniorin, die neben einem Gemälde auf einer Bank kauert. Das Gemälde zeigt eine erotisch aufgelandene Picknick-Szene in üppig blühender Landschaft. Die dürren Bäume aber, die durch ein Fenster hinter der alten Dame zu erkennen sind, haben alle Blätter verloren. „Barbara Klemm hat Respekt vor den Menschen“, so Hübl, dazu gehöre auch, dass sie in solchen Situationen die Erlaubnis der „Models“ einholt.

Ihre wahren Helden sind die Gestalten des Alltags

Natürlich legte Barbara Klemm als Rentnerin den Fotoapparat nicht weg. Statt auf gesellschaftspolitische Brennpunkte konzentriert sie sich nun eher auf die Natur, die Auswahl in Tosterglope zeigt dramatische Landschaften, die Niagarafälle wie den Rheinfall in Schaffhausen, aber auch in unspektakulären Gegenden scheint jeder Baum, jeder Stein wichtig zu sein. Und eines hat Barbara Klemm bis heute nie geändert: keine Farbe. „Schwarzweiß ist Farbe genug“, dieser Satz von Barbara Klemm gehört zu den Bonmots der Branche.
Sie wird es heute genauer erklären. Die Ausstellung wird um 19 Uhr eröffnet, zur Einführung spricht Michael Hübl mit der Fotografin. Zum Rahmenprogramm gehört ein Film von Otto Schweitzer über Barbara Klemm (20. November) und die Finissage am 11. Dezember mit einem Gespräch über die Kunst der Pressefotografie.

Von Frank Füllgrabe