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Stipendiatin Eva Roman bleibt noch bis Dezember im Heine-Haus, arbeitet hier an ihrem zweiten Roman. Foto: ff

Über die verlorene Zeit

Von Frank Füllgrabe
Lüneburg. Eigentlich ist Eva Roman ja Fotografin, ihr Diplom als Designerin jedenfalls hat sie mit Bildern gemeistert „aber der Apparat hat nicht das hergegeben, was ich haben wollte.“ Dafür stellte sie fest, dass ihr die begleitenden Beschreibungen dessen, was da zu sehen sein sollte, viel besser gelangen, „und da habe ich festgestellt: Ich brauche das Medium nicht.“ Damit war endgültig klar, was sie schon immer ahnte, nämlich dass sie eine Schriftstellerin ist. Nach dem vielbeachteten Romandebüt „Siebenbrunn“ schreibt Eva Roman nun als Literatur-Stipendiatin im Heine-Haus an dem Nachfolgewerk.
Davor hat die Autorin ein wenig Bammel, immerhin sind die Erwartungen entsprechend hoch ein Phänomen, das wohl jeder Kollege kennt. Selbst Bestseller-Star Dörte Hansen („Altes Land“) befürchtet, für Buch Nummer zwei „Dresche zu kriegen“. Sorgen machen muss sich Eva Roman, 1980 in Aachen geboren, eigentlich nicht. Schreibtalent ist ihr mit Blick auf „Siebenbrunn“ von vielen Seiten bescheinigt worden, Beispiel Deutschlandradio: „Mit ihrer Passion für die Zeit weiß sie sich im Schatten großer Vorbilder wie Thomas Manns `Zauberberg und Marcel Prousts `Auf der Suche nach der verlorenene Zeit. Doch `Siebenbrunn ist ihr eigener, ganz persönlicher poetischer Widerstand gegen das Vergessen mit schönen, klaren, wehmütigen Bildern, die den Blick für das vermeintlich Verlorene öffnen.“
Dicke Bücher
29sind Zufluchten
Marcel Proust also, dieses siebenbändige Mammutwerk, das Eva Roman immerhin zur Hälfte gelesen hat. „Dicke Bücher sind Zufluchten“, sagt sie, „wie Landschaften. Man kann hineingehen, sich darin aufhalten.“ Aber es geht eben auch kürzer, Eva Roman reichen 124 Seiten. Siebenbrunn ist ein kleiner Ortsteil (von Augsburg), verlassen, ein „vom Wald verschlungenes Dorf“ mit einem alten Gutshaus. Hier wohnt Johanna, die von Welf aber Jeanne genannt wurde, so hieß die Mutter von Proust. Und die Einzugsparty von Welf und Jeanne trug das Motto „Sommer in Combray“, und das ist wiederum der Kindheitsort des Erzählers von Prousts Hauptwerk.
Drei Frauen ziehen durch diesen geheimnisvollen, verfallenen, von Erinnerungen durchwachsenen Ort: Johanna/Jeanne arbeitet als Archivarin, lernt dort die Künstlerin Antonia kennen, die über ein Stipendium mit Siebenbrunn befasst ist. Und dann gibt es da noch eine namenlose Studentin, die dort im Wald zeltet, fotografiert und ebenfalls auf Spurensuche ist nach ihrem Vater Welf. Und so schickt Eva Roman ihre drei Protagonistinnen, jede ihrer eigenen Programmatik folgend, auf die Suche nach den Erscheinungen einer verlorenen Zeit.
Resonanz über Debütroman
29bestätigt die Berufswahl
Eva Roman fand ihr eigenes Ziel, also Beruf und Berufung, ebenfalls über Umwege. Döblins „Berlin Alexanderplatz“ war so ein Schlüsselwerk, „mich hat die Montage-Technik der Szenen fasziniert, geschnitten wie in einem Kinofilm, ich habe Berlin mit den Augen anderer Leute gesehen.“ Ein Studium der Literaturwissenschaft brachte nicht viel, „das war wie in der Schule, ich wollte aber selbst schreiben“.
Das Filmstudio Babelsberg war eine Station, es folgte ein Graphik-Atelier, das Kommunikations-Design-Studium. So richtig am Ziel war sie erst in Leipzig, im Literaturinstitut Johannes R. Becher, in dem eine ganze Reihe künftiger Lüneburger Heine-Stipendiaten studierte, Constantin Göttfert zum Beispiel, und Carl-Christian Elze. An ihrem Debüt „Siebenbrunn“ schrieb Eva Roman insgesamt drei Jahre, und dass (nach den üblichen Absagen großer Häuser) der renommierte Klaus Wagenbach Verlag zusagte, war natürlich eine Bestätigung dafür, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Nächste Stipendiatin im Heine-Haus ist ab Januar Synke Köhler, 1970 geboren und aufgewachsen in Dresden, Psychologin, Grafikerin, Autorin für Film und Literatur.