Donnerstag , 19. September 2019
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Ché (Philipp Hägeli) berührt die tote Evita (Dorothea Maria Müller). Ihr Stern ist erloschen. Der Tanz des Lebens geht weiter. Foto: theater/tonwert21

Evita fliegt zu hoch

Lüneburg. Dieses Musical ist unverwüstlich und besitzt eine beklemmend aktuelle Note. „Evita“, die Geschichte vom Aufstieg und Fall der Eva Perón, führt zwar zurück in die 50er-Jahre, wirkt als Lehrstück über Populismus, Ehrgeiz und Volksbetrug aber sehr gegenwärtig. Wie man sich an die Macht katapultiert mit Kalkül, Gephrasel und einer Politik des Gestikulierens, das zeigt das Musical geradezu modellhaft. Schlank und rank erscheint die neue Produktion am Theater Lüneburg, ohne Bühnenzauber-Pomp, geradlinig und dadurch dem Haus angemessen. Angemessen gefeiert wird es auch.

Eva Perón, das ist im Leben wie im Musical eine zweischneidige Frau. Sie wagt den Sprung aus schnöder Provinz ins brüllende Buenos Aires, erschuftet und erschläft sich den Aufstieg. Liebe ist ihr nur ein Wort, Leiber pflastern ihren Weg. Alle Männer sind austauschbar, bis sie oben angekommen ist. Dort lebt sie als Star, als Ikone, als Heilige fürs einfache Volk, für das sie einiges tut. Abgelehnt wird sie vom Establishment, und dann wird sie mit gerade mal 33 Jahren vom Krebs weggerafft.

Sie wird vom Ehrgeiz und vom Krebs zerfressen

Das Musical erzählt das Geschehen in schnellen Schnitten. Auf der Bühne gleiten die Szenen ineinander. Dafür haben Regisseur Wolfgang Dosch und Bühnenbildnerin Barbara Bloch Bilder der klaren Zeichen geschaffen. Zentral ist ein variabler Tisch, der Podest, Bühne und mehr sein kann. Er gliedert den Raum, ausgetüftelte Lichtstimmungen (Dirk Glowalla) geben den Szenen ihren Charakter vor.

Dosch, der sonst oft das Herzschmerz-Geprickel der Operette bedient, ist ein spürbar routinierter Regisseur. Er lässt dem inneren Drama Raum, meidet den ganz großen Kitsch. Er beschleunigt das Tempo, bedient auch den bitteren Witz wie in der Szene, in der die Generäle per „Reise nach Jerusalem“ um die Macht pokern. Einer wird gewinnen: Perón! Eine wird ihn besiegen.
Evita, das ist Dorothea Maria Müller. Sie zeigt im Laufe des Abends immer stärker eine junge Frau, deren Naivität in kaltes Kalkül übergeht, die mit einem Furor zu Werke geht, als ahne sie, dass ihre Zeit knapp bemessen ist. Wie diese Evita von ihrem Ehrgeiz und vom Krebs zerfressen wird, wie sie noch im Verglühen leuchten will, wie sie sich von ihrem Inneren abkapselt, das drückt Dorothea Maria Müller sehr intensiv aus es geht schon unter die Haut.

„Evita“ ist kein Stück über Liebe. Wolfgang Dosch, lässt deutlich werden, dass auch der Diktator Perón seine Frau als Mittel zum Zweck sieht. Ulrich Kratz spielt den Perón schon zum dritten Mal am Theater, zuletzt an der Seite von Cornelia Drese und Willi Welp. Seine Partie steht so sicher wie die von Karl Schneider, der ebenfalls nicht zum ersten Mal schön schräg, schmalzig und schmierig den Provinz-Schlagerstar Magaldi spielt und singt.

Der Tanz von Leidenschaft und Tod geht immer weiter

Die Geschichte wird vom Ende her aufgezäumt. Vor der aufgebahrten Evita bewegt sich ein Tangopaar, ganz auf sich konzentriert. Der Tanz von Leidenschaft und Tod geht immer weiter, zeigen Júlia Cortés und Francesc Fernández Marsal.

Vor dem Sarg klappt Ché zusammen. Der ewige Widerpart scheint einen Moment lang zerknirscht, schnell steht er wieder auf und besingt angewidert die Verlogenheit der Mächtigen. Der agile Philipp Hägeli zeigt den Ché als verfolgten Kämpfer, der aber doch widerwillig fasziniert ist von der kühlen Blonden, von ihrem stählernen Willen und von ihrer Kunst, das Volk zu erobern.
Die schlanke Linie, die dem Musical verpasst wird, setzt sich im Klang fort. Robin Davis sorgt mit Orchester und Band für einen erfrischend durchhörbaren Sound, aber etwas mehr Wumms hätte er hier und da schon vertragen. Enormen Drive bringen die Choreographien von Olaf Schmidt ins Geschehen, Farbe die Chöre, die von Phillip Barczewski einstudiert wurden. Anna Schwemmer machte die zu Recht gefeierten Kinder fit für ihren Auftritt.

Die Begeisterung ist groß am Ende. „Evita“ ist unverwüstlich.

Von Hans-Martin Koch