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Eine Goldene CD der Zillertaler: Wer hängt sich die ins norddeutsche Wohnzimmer? Typischer ist sicher ein bisschen Ethno-Kunst als Urlaubsmitbringsel. Fotos. oc

Nicht nur schöne Dinge

Lüneburg. Der schwierigste Raum ist das Wohnzimmer. Alle anderen haben eine klar umrissene, eingegrenzte Funktion, die Küche, das Bad, das Schlaf- und das Arbeitszimmer. Das Wohnzimmer aber, das soll so viel. Es soll der Rekreation dienen, also gemütlich sein. Es ist das Sammelbecken der Familie, Ort der Schätze vielleicht von Generationen. Es soll zudem Freund und Feind beeindrucken. Die Möbel edel, die Kunst teuer, der Fernseher groß; vielleicht noch ein paar Bücher, nach Farben sortiert. Den Blick in „Das Wohnzimmer“ wirft jetzt eine Ausstellung in der KulturBäckerei.

Aufgefordert wurden Frauen und Männer aus dem Lüneburgischen, „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“. Sie sollten beispielhaft zeigen, was denn da so bei ihnen zu Hause im Wohnzimmer steht und hängt. Die wie erhofft recht unterschiedlichen Ergebnisse sind als Sammelsurium im Artrium zu sehen, bis zum 27. November. Ein Blick hinein:
Dass sich Landrat Manfred Nahrstedt als SPD-Mann ein Andy-Warhol-Print von Willy Brandt aufhängt kein Wunder. Dass sich die amtierende Heidekönigin Victoria Glaser an Porträts ehemaliger Heideköniginnen ergötzt, zeugt von Liebe zum (Neben-)Job. Viele aber zeigen Gemälde oder Fotos, Erinnerungen an Urlaube oder an Künstler, die sie kennen.

„Gute Freunde kann niemand trennen“

Originelles gibt es auch. Thomas Piehl, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Lüneburg, ist mutig und zeigt eine auf ihn ausgestellte Goldene CD der Jungen Zillertaler, die zur Oktoberfestparty der Sparkasse aufgespielt hatten. Da sollte die Gage gestimmt haben, und Herr Piehl hört (und singt?) in seinem Wohnzimmer nun immer „Gute Freunde kann niemand trennen“, was einst der Beckenbauer Franz sprechgesangte.

Spannendes reichte Lothar Nierenz ein, der stellvertretende Leiter der Musikschule: Eine Fotografie von Gerald Weselowski zeigt eine Frau, die in einem Müllgebirge lebt, aufgenommen im Herbst 1990 in Potsdams Holländischem Viertel. Für Wohnzimmerkunst ziemlich hart!
Frecher sind Axel Bornbusch und Alexander Kalderash Wall, Geschäftsführer der ClubKulturWerke (Salon Hansen etc.). Sie teilen sich offenbar ein Wohnzimmer und haben einen Frauenakt mitgebracht, schwer sexistisch und einfach nur eine Provokation. Leider haben sie wie einige andere auch keine Angaben zum Werk, seine Herkunft bzw. persönliche Bedeutung beigesteuert.

Die Aussagekraft ist doch sehr begrenzt

Der Grünen-Politiker Ernst Bögershausen mogelt sogar, ist aber ehrlich und gibt zu, dass er das ausgewählte Bild eigentlich im Arbeitszimmer platziert hat. So geht es immer weiter. Man kann in der Ausstellung eine Liste mit den Namen der 19 Aussteller nehmen und spekulieren, was von wem stammt. Das lässt sich anhand einer zweiten Liste überprüfen.
Über das Wohnzimmer der Betreffenden sagt das alles aber doch eher wenig aus. Runder wäre die Ausstellung, wenn ein Foto den Blick ins Allergeheiligteste komplettieren würde. Aufgenommen natürlich ohne Voranmeldung. Denn wenn Besuch droht, wird die Wolldecke über Eck gefaltet, bekommt das Kissen den Knickhieb in die Mitte, werden die Bücherrücken auf Kante gestellt. . . oc