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Raoul Schrott, der literarische Erkenntnisforscher, gestern Nachmittag vorm Gymnasium Lüneburger Heide in Melbeck. Foto: phs

Raoul Schrott und die Hefe des Wissens

Melbeck/Lüneburg. 2016 ist ein Jahr der dicken Bücher. Viele kreisen um sich selbst oder um den Autor. Nur einer zieht die Kreise so weit, dass der Mensch immer winziger darin wird und zurückgeworfen oder besser enttarnt wird als Laune der Natur. Raoul Schrott hat, getragen von unstillbarer Neugier, ein gewaltiges Wagnis angetreten und nicht weniger als das Wissen der Welt auf 848 Seiten versammelt. Gestern war der 52-Jährige mit seinem „Erste Erde Epos“ nachmittags zu Gast im Gymnasium Lüneburger Heide, abends im Gespräch mit Wend Kässens im Heinrich-Heine-Haus.

Die alten Mythen taugen nicht mehr

Schrott, 1964 in Tirol geboren, schrieb Romane, Novellen, Gedichte, Essays, Reiseprosa, Übersetzungen (Homers „Ilias“). Nun führt der vielfach ausgezeichnete Autor als literarischer Forscher vom Urknall in die Gegenwart. Die alten Mythen, so sagt er, taugen nicht mehr zur Erklärung der Welt. Es gibt keine einfache Wahrheiten, das Wissen über die Welt ist zersplittert in Fachgebiete, die alle eine eigene abstrakte Terminologie entwickeln. Zugleich wuchern dank des Internets Erkenntnisse und Informationen aller Qualitäten wie ein unaufhörlich in die Breite gehender Hefeteig.

Hilft Schrott aus dem Dilemma? Er sammelt das Wissen über 13,8 Milliarden Jahre des Universums ein, verortet es, stellt Kontexte her, macht begreifbar und hat, wie Dennis Scheck gerade in der ARD sagte, „ein Koordinatensystem für die menschliche Existenz“ angelegt. Kaum einer recherchiert so akribisch wie Schrott. Er übersetzt sein Thema ins Literarische, vermittelt Erkenntnis anschaulich mit Lebensgeschichten. Teil zwei des Bandes läuft dann als Sachbuch.

Das Ergebnis ist nicht bequem für den, der in allem einen höheren Sinn, eine höhere Macht sehen will. Schrott sieht keinen Gott am Zug, sondern Mechanismen, Gesetzmäßigkeiten und Zufälligkeiten der Natur. „Es sind so viele Anfänge, die in uns aufgegangen sind“, sagt er und schränkt gegenüber Scheck ein: „Es gibt für das Leben keine allumfassende Definition.“ Der Mensch müsse sich damit abfinden, sagt er im GLH, dass er absolut bedeutungslos ist und natürlich trotzdem großartig.

Im GLH begrüßt Evelyn Schade „einen Autor, wie wir ihn hier seit Jahrzehnten nicht hatten“. Schrott spricht eine Stunde frei über den Weg zum subjektiven Ich, über Abstammungslinien vom Lungenfisch und über die Absurdität, dass sich der Mensch als Krönung der Schöpfung begreift. Schrott schildert Abenteuerreisen, etwa zum ältesten Stück Festland, und die Erfahrung, wie er 4,8 Milliarden Jahre Erdgeschichte im Wortsinn begreift. Zugleich macht er deutlich, dass es eine poetische Sprache braucht, um wisssenschaftliche Erkenntnis bildhaft und nachvollziehbar zu machen. Das Buch erschien im September, Schrott hat seither viel weiteres Wissen angesammelt. Wo zieht er damit hin?

Von Hans-Martin Koch