Donnerstag , 12. Dezember 2019
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Plötzlich ist alles toll
Maike Jebens, Beate Weidenhammer und Tülin Pektas spielen drei Frauen, die Glück durch Schrecken erzeugen wollen. Foto_ Ta/Theater

Plötzlich ist alles toll

Lüneburg. Was schweißt einander fremde Menschen zusammen? Ein gemeinsames, einschneidendes Erlebnis. Im T.NT-Studio zeigt Laura Naumanns Stück „demut vor deinen taten baby“, wie gravierend traumatische Erlebnisse das Leben von Menschen beeinflussen können.

Auf einer Flughafentoilette in ihren jeweiligen Kabinen sitzend, bilden drei grundverschiedene Frauen eine Notallianz, während draußen die Welt aus den Fugen gerät: Ein herrenloser Koffer hat Terroralarm ausgelöst. Während das Flughafengelände evakuiert wird, sollen die Frauen an Ort und Stelle bleiben und erleben ihr Armageddon. Lore (Beate Weidenhammer) ist eine toughe, auf Erfolg getrimmte Frau, die wegen ihrer erzkatholischen Mutter alle Christen hasst. Bettie (Maike Jebens) redet sich das Verhalten ihres pornosüchtigen Freundes schön, und Mia (Tülin Pektas) gibt sich als hartes Cowgirl, das ein sprechendes Pferd zum Freund hat und angeblich Menschen abknallt.

Die Katastrophe ist ausgefallen

Die tödliche Detonation wird sekündlich erwartet und schweißt die drei Frauen im Antlitz des Todes zusammen. Doch es kommt anders: Fehlalarm. Die Gefühle des Ausgeliefertseins, der Angst und Hilflosigkeit weichen schlagartig der euphorisierenden, rauschartigen Erleichterung. Eine drehende Diskokugel unterstreicht die Gefühlsschwankung. Plötzlich ist alles toll. Die Frauen meinen, einen Regenbogen und goldenen Glitzer zu sehen, bilden sich sogar ein, den Frühling zu riechen. Begeistert gründen sie eine WG und wollen ihr Glückserlebnis nicht nur miteinander, sondern am liebsten mit der ganzen Welt teilen.

Mia, Bettie und Lore erfinden die „real terror show“ und pilgern mit Maschinengewehr und Sprengstoffgürtel durch Supermärkte, Schulen und Kirchen, um Menschen mittels Platzpa­tronen das Fürchten zu lehren. Das Ziel der Girl-Group: die Verbreitung des kürzlich selbst erlebten Glücksgefühls mittels Nichteintreffen der drohenden Katastrophe. Temporeich, mit Situationskomik und Wortwitz wird das Publikum in die von André Rößler inszenierte Schreckens-Show eingebunden.

Dem Schrecken folgt das Glück

Gerade als man sich versucht vorzustellen, wie groß eigentlich die Glücksgefühle nach Extremsituationen sein können, erfährt man von dem Terror-Trio, dass das Glück-durch-Schrecken-Prinzip nicht funktioniert: Ganz Deutschland ist zu glücklich. Alle kündigen ihre Versicherungen, holen ihre Verwandten aus Pflegeheimen und heben ihr Geld von den Konten ab, um es auszugeben. Das hat zur Folge, dass das Bruttoinlandprodukt zusammenbricht. Der Ausweg aus dem Dilemma ist genau derselbe wie die Weg dorthin: Terror. Das Girl-Group- Trio möchte vermitteln jeden Moment so zu leben, als sei es der letzte. Leider bleibt das Fazit, dass zu viel Glück systemschädlich ist.

Warum die Darstellerinnen in Trikots der Fußballnationalmannschaft (mit nur drei Sternen!) auftreten, wer „Viktor“ ist und ob die Zuschauer nach dem Theaterstück eher terrorisiert oder beglückt sind, muss jeder für sich entscheiden. Bis Ende März sind noch neun Aufführungen von „demut vor deinen taten baby“ geplant.

Von Isabel von Wilcke