Aktuell
Home | Kultur Lokal | Sabine Gruber stellt ihren neuen Roman vor
Sabine Gruber, hier bei einer Schreib-Pause im Heine-Haus, kommt im Januar wieder nach Lüneburg. Foto: ff

Sabine Gruber stellt ihren neuen Roman vor

Von Sibylle Peine und Frank Füllgrabe
Lüneburg. Sabine Gruber kann nicht nach Lüneburg kommen — jedenfalls nicht am vorgesehenen Termin: Die Autorin, einst Stipendiatin im Heine-Haus, erhält den Österreichischen Kunstpreis für Literatur, einen der wichtigsten Staatspreise des Landes für Kultur. Und weil sich der Festakt-Termin mit ihrem Lüneburg-Date überschneidet, erscheint Sabine Gruber nun zwei Tage später, also: Freitag, 27. Januar, 19.30 Uhr in der Lese-Reihe LiteraTour Nord. Vorstellen wird sie ihren aktuellen Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“.

Kriegsreporter genießen einen zweifelhaften Ruf. Einerseits sind sie Helden. Gewalt und Elend auf den Schlachtfeldern dieser Welt bekommen erst durch ihre Arbeit ein Gesicht. Andererseits gelten sie als Hasardeure, als Junkies und Abenteurer, die für ein spektakuläres Foto oder eine Sensations-Reportage mutwillig ihr Leben riskieren. Tatsächlich ist die Liste der im Krieg getöteten Journalisten und Fotografen lang, angefangen von dem legendären Robert Capa bis zu der vor zwei Jahren in Afghanistan erschossenen Anja Niedringhaus.

Terminverschiebung wegen Kunstpreis-Verleihung

Das Leben dieser Reporter im Spannungsfeld zwischen Todeserfahrung draußen und banalem Alltagsleben in der heimischen Komfortzone ist ein guter Stoff für Romane und Filme. Bei der Schriftstellerin Sabine Gruber kam noch ein persönliches Moment dazu: Vor 17 Jahren verlor sie im Kosovokrieg ihren Freund, den „Stern“-Reporter Gabriel Grüner. Er wurde in der Nähe von Prizren von einem russischen Söldner erschossen.

Das Schicksal dieses Freundes inspirierte sie zu ihrem neuen Roman, der jetzt im C.H. Beck Verlag (315 Seiten, 21,95 Euro) erschienen ist. Im Mittelpunkt steht Bruno Daldossi, ein erfahrener Kriegsfotograf, der jahrzehntelang für ein Hamburger Magazin von den Krisenregionen dieser Welt berichtete. Er war im Tschetschenienkrieg, in Bosnien, im Irak und in vielen anderen Kriegsgebieten. Jetzt, mit Anfang Sechzig, hofft er zur Ruhe zu kommen, will seinem Privatleben mehr Raum lassen.

Doch nun zeigt sich, dass es dafür offenbar zu spät ist. Denn seine Lebensgefährtin Marlis hat ihn plötzlich verlassen. Sie war des nervenaufreibenden Lebens an seiner Seite überdrüssig und ist zu einem anderen Mann nach Venedig gezogen. Daldossi gerät in eine schwere Sinnkrise. Ein Versuch, seine Freundin in der Lagunenstadt wiederzugewinnen, scheitert kläglich.

Schließlich sucht er Zuflucht in einer Romanze mit der Journalistin Johanna. Diese Liebesgeschichte entspinnt sich ausgerechnet auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa — auch wieder so eine Art Krisengebiet. Daldossi wird von Gespenstern heimgesucht. Die Gespenster des Krieges lassen ihm keine Ruhe, und sie vertrieben auch seine Geliebte: „Etwas von dir ist an den Schreckens­orten zurückgeblieben, und dieses Etwas ist immer größer geworden.“

Der Held bleibt ein Verwundeter

Es gibt für den Kriegsfotografen kein Entrinnen. Denn wer Schrecken, Gewalt und Tod im beruflichen Alltag erfährt, kann danach nicht einfach so mühelos aus der Gefahren- in die Komfortzone zurückkehren. Er bleibt ein Versehrter. Sabine Gruber schildert das sehr einfühlsam an einer Reporterfigur, die nicht zu exzentrisch ist und gerade deshalb glaubwürdig wirkt.

Sabine Gruber, geboren 1963 in Meran, erhielt für ihre Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele und Theaterstücke unter anderem den Anton Wildgans-Preis 2007, den Veza Canetti-Preis 2015. Für „Über Nacht“ war sie außerdem für den Deutschen Buchpreis nominiert. Den Österreichischen Kunstpreis gewann übrigens auch ein anderer Lüneburger Heine-Stipendiat: Christoph Wilhelm Aichinger war im Jahre 2006 erfolgreich.