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Jamaika-Koalition in Lüneburg und die Kratzgewohnheiten des Bundestrainers: Thilo Seibel fand reichlich Themen für seine Revue. Foto: t&w

Ein Jahresrückblick mit Thilo Seibel im Kulturforum

Von Antje Amoneit
Lüneburg. Dass Thilo Seibels satirischer Jahresrückblick um halb acht beginnen sollte, stand in den Medien, doch im Kartenvorverkauf ging man von 20.30 Uhr aus, also warteten die Freunde des politischen Kabaretts im Kulturforum gelassen auf Nachzügler. Der gebürtige Münchner und Wahl-Rheinländer hastete mit fast einer Stunde Verzögerung auf die Bühne, mit der ihm eigenen nervösen Eloquenz fest davon überzeugt, dass in seiner „südlichen“ Heimatstadt Köln niemand so cool mit dieser Situation umgegangen wäre wie die Norddeutschen.

Da hatte der Comedian gleich seinen Spaß am beherzten Veräppeln des Lüneburger Zuhörers, den er immer wieder einerseits achselzuckend „jaja“ und „nö“ murmelnd imitierte, andererseits aber auch enthusiastisch fand. Sein Jahresrückblick 2016 sei nicht chronologisch sortiert, stellt der Funk- und Fernseh-Erfahrene klar, eher nach für ihn wesentlichen Themen. Die gehen aus einem rasant rezitierten Gedicht hervor und werden später humorig erörtert: ein Supersommer mit nur zwei Tagen Regen, unterhaltsame Politiker, dabei nicht nur Merkel, Le Pen, Trump, Erdogan und Putin.

Über Brexit und Deutsche mit Fahrradhelm

Das Marode am Demokratischen nimmt viel Raum ein, ob es in Berlin oder in Brüssel fabriziert wird, in Europa oder der übrigen Welt. Themen sind auch die Flüchtlingsproblematik, USA, Türkei und Russland, Brexit, Populismus, Steuererlass für die Reichen, Deutsche mit Fahrradhelm, Schreddererlaubnis bezüglich männlicher Küken, Österreicher und die Wahl, Renten, Panamapapiere, selbst fahrende Autos, Frauen. Auch die trotz Zerschellen der Sonde als „geglückt“ eingestufte Mars-Erkundung ist dabei, und der Sport, vor allem das weltweit verbreitete und millionenfach kommentierte Ereignis, dass Jogi Löw sich während eines Fußballspiels am Schritt kratzte, und Podolskis Wort dazu.

Ein jeder kämpfe für die Demokratie

Über Politiker und Bonzen ereifert und empört er sich besonders gern, deren Sprüche und Taten und die entsprechende mediale Meinungsmache führt Seibel glänzend ad absurdum. Seibel ist umwerfend schlagfertig, reiht ein Bonmot an das andere, vergewissert sich mit wunderbar gebremster Albernheit, ob er verstanden worden sei. Es gilt immerhin, tempostark viel Wissen, das er zweifellos hat, in zwei Eventstunden zu stopfen. Er nimmt sich dennoch die Zeit, die Zuhörer zu fragen, was für sie das wichtigste Ereignis des Jahres 2016 gewesen sei, sammelt entsprechend beschriftete Zettelchen, ist begeistert, liest vor: Jamaika-Koalition in Lüneburg, Heirat, Olympia in Hamburg

Seibels kunstvolle Formulierungen, seine pointierten Metaphern, Vergleiche und mimisch untermalten Szenarien, seine Einmannsketche erfordern schnelles Denken und Mitdenken, doch bleibt auch zum Lachen genügend Zeit. Mit der AfD, Gabriel oder Seehofer und selbstverständlich auch der Kanzlerin geht der Kabarettist ebenso ins Gericht wie mit vielen anderen Prominenten, die er auf dem Kieker hat und deren Rollen er sekundenschnell einnimmt, samt Tonfall und Dialekt. Scharfsinn begegnet Komik, und aus aller Satire blinkt Seibels größter Wunsch: Jedermann, auch der lakonische Norddeutsche, kämpfe für Demokratie und mehr Menschlichkeit.