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Die Kantorei gestaltete das Oratorium mit vitaler Dynamik und großer Ausdruckskraft. Foto: t&w

Bachs Weihnachtsoratorium in der St. Johanniskirche

Von Antje Amoneit
Lüneburg. Für sechs Gottesdienste zur Weihnachtszeit vertonte Johann Sebastian Bach die Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums. Diese sechs Kantaten kennen wir heute vor allem als konzertant aufgeführtes Weihnachtsoratorium, das wegen seiner Länge meist in zwei Teilen geboten wird. Alle Jahre wieder singen es die großen Kantoreien Lüneburgs, abwechselnd, diesmal hatte Johanniskantor Joachim Vogelsänger die Kantaten 1 bis 3 einstudiert, die von den Ereignissen in Bethlehems Stall und den von den Engeln beseelten Hirten berichten, die die Botschaft von der Geburt des Heilands in die Welt tragen.

Als angekündigtes „Plus“ des Programms, als musikalische Überraschung, entpuppten sich Bach-fremde Finalsätze der ersten beiden Kantaten — Weihnachtsmusik, die gut hundert Jahre nach und vor Bachs Oratorium komponiert wurde. Der großen Nachfrage wegen dirigierte Vogelsänger die drei Kantaten in der jeweils gut besetzten Kirche um 17 und 20 Uhr.

Eine Aufführung in zügigem Tempo

Mit seiner großen Kantorei, dem Kammerorchester „Concerto Brandenburg“ sowie einem hervorragenden Gesangssolistenquartett stand Vogelsänger ein Gesamtensemble zur Verfügung, dessen bestens disponierte Stimmen und historische Instrumente er im Einklang mit der Raumakustik wirkungsvoll koordinierte. Besinnlichkeit, Herzenswärme und stimmungsvoller festlicher Glanz, wie ihn nach den musikalischen Regeln der Barockzeit auch die hier vorherrschende Tonart D-Dur evoziert, überstrahlte die Chorsätze, Arien und Rezitative.

Vogelsänger ließ die Choralverse ohne Kunstpausen durchsingen, ließ die gesamte Aufführung bei zügigen Tempi und im Detail vital gestalteter Dynamik leuchten in ihrer Ausdrucksvielfalt und aussöhnenden Größe. Fein differenzierte Klangbalance kam einem hervorragenden Textverständnis zugute. Das gilt für den Chor, der die großen Chorsätze und die Worte der Himmlischen Heerscharen mit klaren transparenten Freudenklängen füllte, als Hirtenvolk überwältigt schien und im Choral mit der Christengemeinde mitfühlte. Besinnlicher und ergreifender ist das Mystische um das Menschwerden des Heilands wohl kaum zu realisieren.

Überraschung mit Bach-fremden Finalsätzen

Ebenso stilsicher, gefühlvoll und klangschön erklang die Überraschungsmusik: Rezitativ und Arie des Joseph Leopold Eybler aus dessen Weihnachtsoratoriumvon 1794 „Die Hirten bei der Krippe zu Bethlehem“ und Heinrich Schütz 1648 entstandene Motette „Das Wort ward Fleisch“. Stilsischerheit und feine Tongebung sind auch ein Markenzeichen des Concerto Brandenburg mit brillanten Solisten auf historischen Oboen, Traversflöten, Violine und Continogruppe.

Die Gesangssolisten gestalteten ihre Rollen individuell: Lothar Blum mit hellem wendigem Tenor verkörperte lebhaft den Evengelisten, grandios klang die warmtimbrierte nuancierte Altstimme Susanne Schefflers, bis in höchste Höhen schraubte sich der Opern gewöhnte Sopran Anna Herbsts, mühelos auch in anspruchsvollsten Koloraturen. Mit makelloser Strahlkraft in der schlanken Bassstimme sang Bass-Bariton Matthias Vieweg ausdrucksstark seinen Part.

Was mit turbulenten Pauken- und Trompetenklängen begonnen hatte, endete mit der Strahlkraft derselben Instrumente im finalen Chorsatz „Herrscher des Himmels“. Mit stürmischem Beifall bedankten sich die Zuhörer.