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Der weitgereiste Robert Kreis, immer perfekt gestylt, schöpft aus einem riesigen Fundus. Foto: t&w

Klavierkabarettist Robert Kreis: Das überschäumende Leben

Lüneburg. „Andere nehmen Drogen, ich bevorzuge Schellack!“ Ohne diesen Gag tritt Robert Kreis nicht auf. Das legendäre Berlin der Weimarer Zeit ist sein Metier, in der vieles so modern wie heute war, in der lebhaft Drogen kursierten, Banken und Aktien „den Bach runter“ gingen, die Arbeitslosigkeit und die Weltwirtschaftskrise bewältigt werden mussten. Vor allem die legendäre schrille Kulturszene aber hat es ihm angetan, das Kabarett, die Chansonniers und die vielen anderen Kulturschaffenden, von denen es zwischen den beiden Weltkriegen in Berlin nur so wimmelte.
Die alten Problemesind auch die neuen

Am Flügel in seinem Element

Mit Frack, Schulterstücken, pomadeglänzender Frisur und sorgfältig geschminktem Gesicht samt aufgepinseltem Menjou-Lippenbärtchen erinnert Kreis im Kulturforum an die seinerzeit hochmoderne Ära und lässt deren heute greifbare Aktualität aufleben. „Großstadtfieber“ nennt er sein neuestes Programm, das sich von seinen vorhergehenden Auftritten im Kulturforum nur wenig unterscheidet.

Wieder ist er am Flügel in seinem Element, begleitet der nunmehr 58-jährige Kabarettist und versierte Barpianist eigene Chansons und Lieder von Größen der Goldenen Zwanziger, singt und rezitiert mit stark rollendem R. Als sei er der Stummfilmzeit gerade erst entronnen, agiert er mimisch geziert und rhetorisch gewitzt. So gehörte es sich damals.
Inhaltlich schöpft der in Berlin lebende Conferencier und Kabarettist aus einem riesigen Fundus von Vortragsbüchern, Schlager-Noten, Couplets aus Zeitschriften und Büchern der Zwanziger. Leidenschaftlich sammelt er solche Zeitzeugnisse „der großen Ära der Kleinkunst“. Seine in Trödelläden und auf Flohmärkten erstandene Kollektion von Original-Zeitschriften, fliegenden Blättern oder Schellackplatten umfasst mittlerweile mehr als 7000 Teile. Das Lied vom Mumientreff am Nil ist dabei, Namen wie Walter Kollo, Rosen, Leopoldi, Richter, Tucholsky und Kästner tauchen auf.

Kreis, der Weitgereiste

Einmalig sei die Vielfalt gewesen, die damals die Kulturszene ausmachte, schwärmt Robert Kreis. Der jüdische Witz, dem nichts Menschliches fremd ist, grassierte allenthalben, davon hat Kreis allerhand Kostproben im Gepäck. Überhaupt waren die jüdischen Künstler aus der Szene und aus dem Kabarett nicht wegzudenken. Von den Nationalsozialisten wurden sie später vertrieben oder ermordet. Diese Lücke spüre man noch heute.

Kreis, der Weitgereiste, der seine Kindheit auf Java und in Holland verbrachte, auf Luxuslinern Klavier spielte, in Den Haag Kleinkunst studierte und seit 42 Jahren durch Deutschland, Österreich, die Schweiz tourt („7282 Auftritte“), erzählt zwischendurch aus seinem Privat- und Berufsleben. Es wird klar, wie ähnlich Phänomene und Probleme unserer hektischen Zeit denen der Zwanziger Jahre sind.

Die Lach-Chanson-Performance steckt alle an

Eine kritische Beobachtung gegenwärtiger Politik und Wirtschaft bleibt nicht aus. Die alten Probleme sind auch die neuen, stellt er fest, wenn man nur richtig hinschaut. Er amüsiert sich über Schüler-Übersetzungen englischer Werbetexte, karikiert Angela Merkel und Putin, verweist auf die Oberflächlichkeit der Internetgesellschaft, imitiert krumm gehende Smartphonenutzer, die den Flirt nicht mehr beherrschen. Im Grunde, so vielleicht Kreis‘ wesentlichstes Fazit, ist der Drang nach überschäumendem Leben trotz des Schlechten und Bösen in der Welt verständlich und wunderbar, diese Seite dürfe man nicht vergessen. Er nimmt sich schließlich auch selbst auf die Schippe, mimt den Affen, und seine berühmte Lach-Chanson-Performance steckt am Ende alle an.

Von Antje Amoneit