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Vertraute Gäste: Christoph-Mathias Mueller dirigiert das Göttinger Symphonie Orchester. Foto: t&w

Ausflug in die Unterwelt

Bleckede. Dirigenten haben einen schwierigen Arbeitsplatz: Sie stehen auf der Bühne meistens im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, kehren ihren Zuschauern aber den Rücken zu, wenn sie nicht ab und zu ein wenig moderieren. Ein Stück aber gibt es, da pflegen die Maestros in die andere Richtung zu dirigieren: Das ist der Radetzky-Marsch, bei dem sich das Publikum in der abendländischen Konzertpraxis über die Jahrzehnte das Recht erworben hat, mitzuklatschen und damit die Aufführung – mitunter erheblich – zu beeinflussen. Also sollte der Orchesterleiter auch hier die Zügel in der Hand behalten, Tempo, Lautstärke und Dynamik steuern. Die Besucher des Bleckeder Neujahrskonzerts 2017 führten diesen schönen Brauch fort.

Melancholie unddramatische Zwischentöne

Tradition hat bei der ersten Veranstaltung des Heimat- und Kulturvereins nach Sylvester ohnehin einen großen Stellenwert: Wie (eigentlich schon) immer gastierte das Göttinger Symphonie Orchester unter der charmanten Leitung von Christoph-Mathias Mueller im (wie immer) vollbesetzten Bleckeder Haus. Neujahrskonzerte in der Tradition der Wiener Philharmoniker sollen vor allem gute Laune machen, dafür gibt es allerhand Walzer, Polkas und Operettenlieder, die in der Regel von einem Angehörigen der Strauss-Dynastie stammen.

Auch daran wurde natürlich nicht gerüttelt. Der aktuelle Programmtitel „Sphärenklänge“ allerdings verwies auf verhaltene, melancholische und auch mal dramatische Zwischentöne, die Christoph-Mathias Mueller geschickt in dem Reigen platzierte: musikalische Besuche in der Hölle, die Ouvertüre zur Oper „Orpheus in der Unterwelt“ zum Beispiel. Die Eröffnungsmusik der 1860 uraufgeführten Fassung stammt gar nicht von Jacques Offenbach, die hatte Carl Binder aus den zentralen Motiven nachträglich zusammengebaut – und wohlweislich den äußerst publikumswirksamen Höllen-Cancan als Zentrum gewählt.

Solistin zaubertauf der G-Saite

Als Solistin des Abends bezauberte die junge Violinistin Chiara Sannicandro ihre Zuhörer mit dem „Tzigane“, einem „Zigeunertanz“ also, 1924 komponiert von Maurice Ravel. Das in den Stimmungen wechselhafte Werk erfordert von der souveränen Geigerin eine schwierige Technik: Das virtuose Intro wird ausschließlich auf der tiefsten Saite gespielt, auf diese Weise entsteht ein eindrucksvoll warmer, schwermütiger, seelenvoller Ton. Ravel, ein Meister das Arrangements und der Orchestrierung, setzte auffällige Glissandi ein, verlangte von der Solistin wie vom Orchester Pizzicato-Passagen, Flageoletts. „Tzigane“ gehörte, wie der „Verano porteno“ aus dem Jareszeiten-Zyklus des argentinischen Tango-Königs Astor Piazzolla, zu den prägenden Werken des Konzerts, das vom Dirigenten mit knappen Erläuterungen bereichert wurde.

Zwischen einer Auswahl der „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms (ohne die berühmteste Nummer fünf in fis-Moll) und Carl Maria von Webers romatischer Ouvertüre „Der Beherrscher der Geister“, mit der sich auch ein Hitchcock untermalen ließe, gab es genügend Vertrautes aus der festlichen Wiener Welt, die Tritsch-Tratsch-Polka von Johann Strauss (Sohn), und die Polka „Ohne Sorgen“ von Josef Strauss (seinem Bruder). Richard Strauss gehört übrigens nicht dazu, auch wenn er ebenfalls einer Dynastie entstammt – allerdings von Bierbrauern.
Es ist ja gar nicht so einfach, die Sträusse auseinanderzuhalten. Fest steht: Der Radetzky-Marsch ist von Johann Strauss Vater. Und fest steht auch: Wenn er erklingt, in diesem Fall als dritte Zugabe, dann ist das Konzert endgültig vorbei. Bis 2018.

Von Frank Füllgrabe

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