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Hingabe und der Wille zu einem erfüllten Leben treiben Blanche (Claudia Rietschel, oben) und Marie (Giselle Poncet) voran. Foto: tamme

Sie lernen das Leben in allen Facetten kennen

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Zwei Frauen. Die eine bekam gleich zweimal den Nobelpreis, 1903 und 1911. Die andere war die „Königin der Hysterikerinnen“. Sagt Olaf Schmidt, Lüneburgs Ballettdirekor. Kennengelernt hat er die Damen in einem Roman des Schweden Per Olov Enquist: „Das Buch von Blanche und Marie“, 2007 auf Deutsch erschienen.
Die eine, das ist Marie Curie, die Physikerin, die Chemikerin, eine der großen Frauengestalten des frühen 20. Jahrhunderts, geboren vor 150 Jahren in Warschau. Die andere heißt Blanche Wittman (1859-1913), war Patientin eines Freud-Schülers, wird im Enquist-Roman Laborhelferin und mehr bei Marie Curie und erleidet ein schreckliches Schicksal. „Die Geschichte von Blanche und Marie“ heißt das neue Ballett von Olaf Schmidt mit Musik von Thomas Dorsch. Uraufführung: Sonnabend, 14. Januar, 20 Uhr, Theater Lüneburg.
„Man findet selten eine so emotionsgeladene Grundlage für ein Tanzstück“, sagt Olaf Schmidt. Es geht um Dinge, wie sie für den Tanz ideal sind. Themen, die nicht wirklich fassbar sind: eine schicksalhafte Verbindung, Liebe, die beide Frauen erleben, Tragik und Wissenschaft, präzise: Radioaktivität. Sie wird zu einer Art Metapher für eine Kraft, die sich nicht greifen lässt, die ein Segen für die Wissenschaft ist, Blanche aber in ein Leben zwingt, das kaum eines ist. Die Strahlen zerstören ihren Körper. Die Beine amputiert, ein Arm was für eine Tragik.
Eine Geschichte
29aus Fakten und Fiktion
Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt, und natürlich verrät Olaf Schmidt im Detail so wenig wie möglich. Aber er verteilt Komplimente und bekommt sie zurück: Denn Thomas Dorsch, Generalmusikdirektor des Theaters, schrieb die Musik zum Ballett. Die Zeit, in der die Geschichte spielt, sei musikalisch total spannend gewesen, so Dorsch. Es ist die Zeit des Fin de Siècle, auch die des Impressionismus allen voran steht Claude Debussy für diese Ära. „Ideal, um Klangflächen darzustellen“, sei diese Musik, sagt Thomas Dorsch und schwenkt weiter zum „postmodernen Tuschkasten“, aus dem er sich gleichermaßen bedient habe für einen bildhaften, szenischen Klang.
Eine große Sammlung musikalischer Ideen haben Dorsch und Schmidt aufgeschlüsselt. Manchmal fand der Ballettmann einen musikalischen Part an anderer Stelle passend als der Komponist. Aber „es hat sich wunderbar aufgelöst, es ist tatsächlich ein organisches Gebilde entstanden“, sagt Dorsch, für den das Schreiben einer Ballettmusik ein „lang gehegter Traum“ gewesen sei. „Jetzt geht es noch um Akzente, um Übergänge. Der flow ist da.“ Es brauche im engen Rahmen eines Stadttheaters einen großen Gleichklang, um so ein Projekt gemeinsam zu schaffen, sagt Olaf Schmidt.
Enquist mischt in seinem Roman Fakt und Fiktion. Alles, was Marie Curie betrifft, ist nah an ihrem Leben gehalten. Enquist macht aber Blanche Wittman zur Laborhelferin der Curie. Dafür wie für die schrecklichen Strahlenschäden gibt es keine Beweise. Das ist Roman, bietet aber Stoff für diese dramatische Geschichte von Liebe und Gefühlen.
Autor Per Olov
29Enquist gab die Rechte frei
Es gab bis zum Entwickeln des Tanzstücks eine ausführliche Korrespondenz mit dem heute 82-jährigen Autor. Er stimmte dem Projekt zu, würde gern zur Uraufführung kommen, aber die Gesundheit des in Stockholm lebenden Schriftstellers spielt nicht mit. „He is sending his love“, schreibt Enquists Agentin.
Die Blanche wird von Claudia Rietschel getanzt, die Marie von Giselle Poncet. Natürlich ist die gesamte Compagnie eingebunden. Unterstützt wird Olaf Schmidt, der schon oft literarische Vorlagen in Tanz übertrug, von Dramaturgin Christina Schmidt. Das Bühnenbild von Manuela Müller wird einen offenen Raum zeigen, der Labor sein kann, aber wohl darüber hinaus deutbar bleibt. Claudia Möbius sorgt für die Kostüme. Für die Premiere gibt es noch Karten.