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Jens Grimmich (links) und Adrian van Bronswijk illustrierten mit ihren Fecht-Demonstrationen die Lesung von Sabine Weiss. Foto: t&w

Mehr als ein Sport für Männer

Lüneburg. Fast jedem dürfte bekannt sein, dass Fechten eine der traditionsreichsten Sportarten ist. Doch wie viel gelebte Geschichte noch in der heutigen Praxis steckt, weiß der aktive Sportler oder der belesene Laie. Jetzt kamen beide letztgenannten Fechtfreunde auf ihre Kosten. Die Hamburger Autorin Sabine Weiß hat ihr neuestes Buch der Traditionssportart gewidmet. In der Fechtschule Asteria im Logenhaus las die Autorin aus dem historischen Roman, der im Jahre 1608 in Rostock spielt. Verfeinert wurde die Lesung mit sehenswerten Einlagen am Langen Schwert der Mitglieder der Lüneburger Fechtschule.

Für Frauen unschicklich

Rostock im Jahr 1608, in der mecklenburgischen Hansestadt ist Fechten viel mehr als nur eine Sportart. Die Protagonisten im historischen Roman von Sabine Weiß sind nicht nur Schüler der Fechtkunst, sondern kämpfen auch um gesellschaftliche Anerkennung. Im Mittelpunkt stehen Clarissa und ihr Vater, ein stadtbekannter Fechtmeister. Sie beherrscht die Fechtkunst besser als die meisten männlichen Schüler. „Doch in dieser Zeit galten fechtende Frauen noch als unsittlich“, so die Autorin.

Neben Clarissa stehen noch zwei Schüler ihres Vaters, die kurz vor der Prüfung für den „Meister des Schwerts“ stehen, im Zentrum. Zu dieser Zeit ist ein Titel als Fechtmeister auch die Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs. Um Tochter, Vater und die beiden Schüler des Fechtmeisters entspinnt sich eine packende Geschichte. Das Buch von Sabine Weiß versteht es, einen spannenden Roman mit geschichtlichen Fakten rund um die Fechtkunst und ihre Stellung im 17. Jahrhundert zu verbinden.

Doch noch ein kleines Stück lebendiger wird die Geschichte mit den Praxiseinlagen der Lehrer und Schüler der Fechtschule Astoria. Fechtlehrer Adrian van Bronswijk erklärt dem Publikum, was es eigentlich mit den verschiedenen Begriffen zu den Klingen und Techniken auf sich hat.“In den Zeiten, in dem auch der Roman spielt, sind die beiden Fechtschüler nicht mit so etwas durch die Stadt gelaufen“, sagt van Bronswijk und hält ein Schwert in die Höhe. „Hiermit wird eher trainiert, das ist ein Langes Schwert.“ Gängiger waren vielmehr das leichtere Schwert, das Rapier, wenn „Mann“ unterwegs war. „Das Rapier ist sozusagen die Ausgeh-Version des Langen Schwerts.“

Während unter den Laien alles fälschlicherweise als Schwert oder Dolch bezeichnet wird, hat jedes Schwert in der historischen Fechtkunst seine Besonderheiten. Doch nicht nur die Waffen selbst, sondern auch der Umgang mit ihnen ist im historischen Fechten genaustens ausgelegt. Die gesamte Sportart bezieht sich bis heute bei der Grundlagenausbildung auf Standardwerke, die bereits vor mehreren Jahrhunderten geschrieben wurden.

Über Ochs und Parade

Im Roman von Sabine Weiß fällt der Name eines Wegbereiters für die Fechtkunst. Joachim Meyer hat 1570 eine besonders wichtige Verschriftlichung für das Fechten geschrieben. „Mit Meyers und anderen Standardwerken trainieren wir die Grundlagen auch hier in Lüneburg“, sagt Fechtlehrer van Bronswijk.

Einen Einblick in die Techniken bekommt das Publikum bei einer Kostprobe am Langen Schwert von Schülern und Lehrer Andreas van Bronswijk. Die vier Fechter zeigen, was eigentlich alles zu einer Parade und einem Ochs dazugehört und was es mit Absetzen, Ansetzen und Versetzen auf sich hat. Autorin Sabine Weiß guckt gebannt zu und nickt oft während der Erklärungen und den anschließenden Ausführungen zustimmend mit dem Kopf.
Irgendwann kann sie sich nicht mehr zurückhalten und springt auf. „Wissen Sie, was ich einfach so spannend an dem Sport finde?“, fragt die Autorin begeistert das Publikum. „Das was sie hier sehen, ist das beste Beispiel für gelebte Geschichte!“ Damit bringt sie die Lesung mit Fechteinlagen auf den Punkt: Ein gelungenes Format, das ihren historischen Roman hat lebendig werden lassen.

Von Antonia Wegener