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Sie haben Spaß: Saša Stanišic und Claudia Kramatschek im Heinrich-Heine-Haus. Foto: t&w
Sie haben Spaß: Saša Stanišic und Claudia Kramatschek im Heinrich-Heine-Haus. Foto: t&w

Saša Stanišic liest im Heine-Haus

Von Hans-Martin Koch

Lüneburg. Es gibt nicht alle Tage Autoren, die so begeistert von ihrem Metier erzählen, sich so am eigenen Text erfreuen und derartig Vergnügen am eigenen Vortrag haben. Saša Stanišic hat das alles, und er kommt dabei nicht übermäßig eitel rüber. „Es macht gerade so Spaß, ich lese noch etwas vom nächsten Teil“, sagt er im gut besuchten Heine-Haus. Das freut alle. Er kommt ja ohnehin gern in die Stadt, zuletzt 2015, wie Kerstin Fischer vom Literaturbüro bei der Begrüßung sagte. Da war er er Heinrich-Heine-Ehrengast, nun kam er mit Kurzgeschichten. „Es sind acht beziehungsweise zwölf Erzählungen“, sagt Moderatorin Claudia Kramatschek.

Stanišic nämlich nimmt in einigen Erzählungen des Bandes „Fallensteller“ Bezug auf andere, etwa bei dem Justitiar Georg Horvath, der in Brasilien eine kleine Brauerei seiner Firma einverleiben soll, aber unterwegs verschütt geht. Auch Mo, der eigentlich Rebecca sucht, aber in abstruse Unternehmungen rutscht, taucht wiederholt auf.

Bei allem, was Stanišic schreibt, ist die „Elastizität der Sprache“ zu bewundern, wie Claudia Kramatschek zitierend sagt. Das passt genau. Stanišic kann plakative Bilder, Szenen und Dialoge schreiben, ohne auch nur im Ansatz plakativ zu wirken. Dafür sind seine Beobachtungen zu genau und vor allem seine Sprache sowohl zu präzise als auch zu klug und kreativ. Er ist wie ein Jongleur, der die Zahl der Bälle, die er in die Luft wirft, scheinbar nach Belieben variieren kann. Und es können verdammt viele sein.

Sprache war und ist der Schlüssel

Saša Stanišic, 1978 in Bosnien-Herzegowina geboren, kam 1992 als Teenie nach Deutschland — auf Wegen der Flucht, die heute abgeriegelt sind. Sprache war und ist der Schlüssel zum Verstehen. Stanišic singt ein Loblied auf seinen Deutschlehrer, ohne den er den Sprung in die literarische Karriere nicht geschafft hätte. Und wie schnell und wie weit ist der heute 37-Jährige gesprungen!

2006 las er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, im gleichen Jahr war er Finalist für den Deutschen Buchpreis („Wie der Soldat das Grammofon repariert“). Diverse Auszeichnungen folgten, herausragend 2014 der Preis der Leipziger Buchmesse für seinen zweiten Roman „Vor dem Fest“. Herr Schramm, der in dem Roman statt wie geplant nicht sich selbst, sondern lediglich einen Zigarettenautomaten erschießt, taucht im „Fallensteller“ auch wieder auf — mit größerem inneren Frieden.

Stanišic erzählt von den wunderlichsten Erfahrungen, die er mit seinem Roman machte. Das Dorf, in dem „Vor dem Fest“ spielt, wurde zur Touristenattraktion. Der Autor ist über diese Entwicklung vor allem verblüfft. Ähnlich wie Rote-Rosen-Touristen das Hotel suchen, das es unter dem Filmnamen gar nicht gibt, so ergeht es Menschen in der Brandenburger Provinz. Das Vorbild-Dorf Fürstenwerder heißt im Roman Fürstenfelde.

Er liebt wie das Spiel mit der Sprache die Anekdote und die Groteske. Sie spielt eine große Rolle in seinem Schreiben, aber in ihr verbirgt sich fast immer die Tragödie. Und kommen seine Texte in weiten Teilen scheinbar leicht und schwebend daher, so ist die Eleganz oder eben Elastizität doch nur eine Folie für tiefere Probleme. Flucht ist so ein Thema, das sich durch die „Fallensteller“-Erzählungen zieht, auch das Sich-selbst-Verlieren oder die Frage, ob das denn nun das Leben ist, das man führen wollte.

Der Witz, der aus dem Vortrag entspringt

Wie wertvoll Lesungen sind, wenn ein Autor denn so ausgezeichnet und fast schon szenisch mit seinen Texten umgehen kann, das zeigte dieser Abend auch. Denn den Witz, den Stanišic zum Beispiel aus Georg Horvaths Rio-Anflug kitzelt, den bekommt man so grandios beim leisen Lesen nicht mit.

Schön, dass Moderatorin Claudia Kramatschek den Abend mit einem Stanišic-Text enden ließ und oberstudienrätliche Co-Referate, wie sie nach Lesungen oft zu erleben/erleiden sind, verhinderte. Die lesende Welt freut sich einfach auf den nächsten Stanišic-Roman und -Abend.