Aktuell
Home | Kultur Lokal | 75000 Seiten für Frankfurt
Hermann Schweppenhäuser (rechts) mit Max Horkheimer in Hamburg bei einem Empfang des Spiegel anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises an Horkheimer im Jahre 1971. Foto: nh

75000 Seiten für Frankfurt

Lüneburg. Es gibt wenige Professoren in Lüneburg, deren Werk über ihren Tod hinaus Rang besitzt. Eine besondere Bedeutung kommt Prof. Dr. Hermann Schweppenhäuser (1928-2015) zu. In einer ausführlichen Mitteilung teilt jetzt das Archivzentrum der Frankfurter Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg mit, den Nachlass des Philosophen Hermann Schweppenhäuser aufgenommen zu haben. Es handelt sich um circa 75000 Seiten „mit wertvollen und zahlreichen unveröffentlichten Archivalien“.
Schweppenhäuser promovierte 1956 am wiedereröffneten Institut für Sozialforschung, war bis 1961 Assistent von Theodor W. Adorno und gehörte zu den einflussreichsten Philosophen der Frankfurter Schule. 1961 wechselte Hermann Schweppenhäuser, ein gebürtiger Frankfurter, nach Lüneburg: Dort war er auf den neugegründeten Lehrstuhl für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule berufen worden. Das sollte eigentlich eine Art Parkplatz sein, bis in Frankfurt eine passende Professur frei würde. Doch die kritische Theorie, für die Schweppenhäuser stand, geriet aus dem Fokus.

Lüneburg als Ort der Frankfurter Schule

Lüneburg blieb folglich der Lebensmittelpunkt Schweppenhäusers, über eine Honorarprofessur für Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt blieb aber der Kontakt. Von 1972 bis 1999 gab Schweppenhäuser zudem mit Rolf Tiedemann Walter Benjamins Gesammelte Schriften heraus.

Auch Adorno wollte, wie auf einer Karte vom 14. Oktober 1960 zu lesen ist, Schweppenhäuser wieder in Frankfurt sehen. Er gratulierte „aufs allerherzlichste“ zur Lüneburger Berufung und fügte hinzu: „Mein Wunsch, daß Sie die Position einnehmen, die Ihnen sicher manche wesentliche Erfahrung einbringen wird, verbindet sich mit dem, daß Sie rasch habilitiert werden und bei uns bleiben!“

Mit dem Schweppenhäuser-Nachlass „wird unser Archivbestand zur kritischen Theorie und Frankfurter Schule erheblich erweitert“, teilt der Leiter des Archivzentrums Dr. Mathias Jehn mit. In den Beständen liege unter anderem der Nachlass von Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Ludwig von Friedeburg sowie die Vorlässe des heute 87-jährigen Jürgen Habermas und von Oskar Negt (82); außerdem das Adorno-Archiv. Schweppenhäuser habe sich in seinen philosophischen Schriften wesentlich mit der Selbstreflexion des dialektischen Denkens befasst, mit Sprachphilosophie, Ästhetik, der Kultur- und Zeitkritik sowie mit dem Verhältnis von Philosophie und Theologie.

Wesentlich eingefädelt hat die Nachlass-Übergabe der Sohn des Philosophen, der seit 2002 als Professor für Design-, Kommunikations- und Medientheorie in Würzburg lehrt und neben Leuphana-Professor Dr. Sven Kramer Mitherausgeber der Zeitschrift für kritische Theorie ist.

Sechs Bände sollen das Werk dauerhaft sichern

„Eine direkte Verbindung mit der Leuphana wegen des Nachlasses von meinem Vater gibt es nicht“, sagt Gerhard Schweppenhäuser. „Aber was die Herausgabe seiner Gesammelten Schriften angeht, gibt es eine: Die Herausgabe veranstaltet Prof. Dr. Sven Kramer mit Thomas Friedrich, Professor für Designtheorie und Philosophie in Mannheim, und mir.“
Geplant sind derzeit sechs Bände, mit denen die ganze Bandbreite des Denkens und Schreibens des Philosophen deutlich würde. Band eins soll „Aphorismen, Fragmente und Gedichte“ versammeln. Die folgenden Bände behandeln Studien über Sprache, Literatur und Kunst, Studien über Kultur, Ausdruck und Bild, zwei Bände widmen sich Studien über Philosophie und Gesellschaft, ein abschließender gilt Vorlesungen.

Dafür braucht es Unterstützer. Gerhard Schweppenhäuser fragte im September 2016 auch beim Leuphana-Freundeskreis an. Die Bedeutung Schweppenhäusers würdigte 2016 der von Gerhard Schweppenhäuser herausgegebene Gedenkband „Bild und Gedanke“, zu dem u.a. Christoph Jamme, seit 1997 Professor für Philosophie in Lüneburg, einen Beitrag beisteuerte, ebenso Ulf Wuggenig (Professor für Kunstsoziologie) und Karl Clausberg, der in Lüneburg eine Professur für Kunst- und Bildwissenschaften innehatte.

Von Hans-Martin Koch

Kritische Theorie

Grob vereinfacht handelt es sich bei der kritischen Theorie (Begriff von Max Horkheimer) um eine Analyse der kapitalistisch geprägten Gesellschaft, ihrer Herrschaftsstrukturen, Methoden und Ideologien. Ziel ist eine von rationalem Handeln geleitete Gesellschaft mündiger Bürger, gerade mit Blick auf jüngere deutsche Geschichte.

Die kritische Theorie wird auch als Frankfurter Schule bezeichnet, weil prägende Vertreter dort am Institut für Sozialforschung lehrten. Zum Umfeld zählen Theodor W. Ado­rno, Walter Benjamin, Erich Fromm, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, der in Lüneburg aufgewachsene Karl A. Wittfogel, Jürgen Habermas, Oskar Negt etc. – natürlich auch Hermann Schweppenhäuser. lz