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Sabine Gruber kam als Gast der LiteraTour Nord ins Heine-Haus, Dr. Tilmann Lahme moderierte. Foto: t&w

Autorin Sabine Gruber zu Gast in Lüneburg

Von Elke Schneefuß

Lüneburg Sabine Gruber gehört zu den besonders erfolgreichen Gegenwartsautoren. Gerade erst wurde sie in Wien mit dem österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnet. Es ist nicht die einzige Ehrung, die die in Südtirol geborene Schriftstellerin bisher in Empfang nehmen durfte — an diesem Abend im Heinrich-Heine- Haus begreifen die Zuhörer sicher schnell, warum das so ist. Sabine Gruber gelingt es, ihr Publikum in den Bann zu ziehen: ihre Figuren leben und atmen, auch wenn sie reine Produkte der Fantasie sind.

Sie müssen nicht unbedingt sympathisch sein, aber sie sind ausgesprochen interessant: so wie Bruno Daldossi, ein erfolgreicher Fotograf, der sich auf die Arbeit in Kriegsgebieten spezialisiert hat. In „Daldossi oder das Leben des Augenblicks“ führt er ein Dasein bedroht von Querschlägern, Landminen und Heckenschützen.

Der Mann, der den Krieg mit der Kamera einzufangen versucht, überlebt seinen Beruf, bei dessen Ausübung das Verhältnis zu den Kollegen von der schreibenden Zunft oft mehr durch Konkurrenz als durch Freundschaft geprägt ist. Getragen wird Daldossi von seiner Liebe zu Marlies, der Frau, die im tiefen Frieden der österreichischen Hauptstadt auf ihn wartet. Auf diese Weise vergehen die Jahre — bis das Politikmagazin, für das Daldossi auf Reisen geht, ihn in Frührente schickt.

Alle Verbündeten wenden sich ab

Und auch Marlies wendet sich ab: Sie verlässt Daldossi für Domenico, einen Venezianer, jünger als sie selbst und eine neue Perspektive in ihrem Leben. Daldossi, der für den Beruf tapfer alle Gefahr auf sich genommen hat, gerät aus der Spur: der Alkohol wird in der Einsamkeit, in der er jetzt lebt, sein bester Freund.

„Figuren, die entstehen einfach so nach und nach“, antwortet Sabine Gruber auf die Frage, ob nicht ein etwas weniger beschädigter Charakter als Daldossi leichter zu handhaben gewesen wäre. Daldossi ist traumatisiert, und doch, er ist jede Zeile wert, den die Autoren auf ihn verwendet: „Es gibt viele Fotografen, die immer wieder ihr Leben aufs Spiel setzen, um uns daheim zu vermitteln, was da draußen passiert“, sagt Gruber.

Einige dieser Menschen hat die Autorin persönlich kennengelernt, auf ihr Schicksal macht sie in ihrem Buch aufmerksam. „Die Menschen, die diese Bilder machen, sollen das tun — und werden dann oft dafür gescholten. Aber den Krieg kann man nicht schön abbilden“, sagt sie. Und loswerden kann man die Gräuel, die sich in Kriegsgebieten und Krisenregionen in die Seele ätzen, auch nicht einfach wieder.

Über die Fotos und ihre Wirkung

Es hat Sabine Gruber interessiert, was ein Foto kann, welche Wirkung es hinterlässt — bei denjenigen, die es produziert haben, ebenso wie bei denen, die es sehen. Was also kann Kriegsberichterstattung? Einen Krieg beenden? Aufrütteln oder wenigstens Empathie wecken? Die Welt verändern? Alle diese Fragen stellt der Roman, und er stellt sie auf gekonnte Weise. Nur selten hat ein Autor so flüssig und so eindrucksvoll geschrieben und vorgetragen: Daldossi ist eben doch nicht nur eine Kunstfigur, er ist mit im Raum, wenn Sabine Gruber von ihm erzählt.