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Artur Becker (rechts) im Dialog mit Dr. Andreas Lawaty. Foto: bk/nk

Die Buchstaben ordnen meine Gedanken

Lüneburg. Donald Trump will eine Mauer bauen, die Briten verabschieden sich aus der Europäischen Union, am anderen Ende haben sich die Türken von der EU entfernt keine gute Zeit für die Befürworter offener Schranken. „Kosmopolen“ hat Artur Becker seinen Essayband genannt, eine Vermischung der Worte Kosmopolit und Polen. Der Autor, 1968 geboren in Masuren, 1985 nach Deutschland emigriert, hat das Überwinden von Grenzen zu seinem zentralen Thema gemacht. Im Heine-Haus stellte er als Gast des Literaturbüros und des Ostpreußischen Landesmuseums im Gespräch mit Dr. Andreas Lawaty seine Überlegungen vor.

Der Essay als Literaturform ist geprägt von der persönlichen also durchaus subjektiven Auseinandersetzung eines Autors mit gesellschaftspolitischen Themen. „Artur Becker ist ein Missionar, er ist überzeugt, fast besessen davon, seine deutschen Leser zu überzeugen, dass ihr Weltbild unvollständig bleibt, wenn sie nicht die Erfahrungen ihrer polnischen Nachbarn zur Kenntnis nehmen und in ihr Weltbild integrieren“, sagt Manfred Mack vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt. Und: „Er begibt sich auch auf das belastete, verminte Gebiet der deutsch-polnischen Erinnerung an die Geschichte. „Souverän und mutig zeigt er Deutschen und Polen einen Ausweg aus der vermeintlichen Erbfeindschaft und ruft das Gemeinsame, Verbindende jenseits der nationalen Verblendung in Erinnerung.“

Artur Becker also ist ein Grenzgänger, er wechselte vom Sozialismus in den Kapitalismus, von der Lyrik zur Prosa, und, was für einen Schriftsteller eine größere Hürde ist, von der polnischen in die deutsche Sprache eine Herausforderung, auch eine Chance: „In einer angenommenen Sprache ist man sich der Worte bewusst“, so Becker, „die Buchstaben ordnen meine Gedanken.“ Eine Frage der Konzentration und der Disziplin also.

Nach der Aussiedlung nach Deutschland 1985 holte er 1989 in Verden an der Aller, seinem heutigen Wohnort, das deutsche Abitur nach und studierte bis 1997 Kulturgeschichte Osteuropas sowie deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft an der Universität Bremen. Die Liste seiner Publikationen (und Auszeichnungen) ist lang.

Der Autor schlägt als Erzähler weite Bögen, verbindet das Private mit dem Weltgeschehen, führt von der Antike in die Gegenwart, bewahrt sich dabei einen lakonischen Humor: Sozialismus und Katholizismus seiner polnischen Heimat begreife er als Geschenk, beides habe ihm schließlich einen gesunden Skeptizismus beschert. Er erhebe „keine Vorwürfe an die Vergangenheit“, wichtiger ist ihm der wache Blick auf die Gegenwart und das Begreifen historischer Zusammenhänge das schließt auch Wachsamkeit für Versuche ein, solche Zusammenhänge zu instrumentalisieren.
Ein gutes Beispiel findet Artur Becker vor seiner Haustür: den „Sachsenhain“ heute eine von Gedenksteinen gesäumte Parkanlage, die Landeskirche Hannover betreibt dort einen Jugendhof. Der Name bezieht sich auf das Blutgericht von Verden, bei welchem Karl der Große die Rädelsführer der Schlacht am Süntel (782) hinrichten ließ. Die Nationalsozialisten unternehmen einige Versuche, den Hain zu einem germanischen Kultplatz auszubauen. Heute betreibt die Landeskirche dort einen Jugendhof, der Park gilt aber auch als Neonazi-Treff.

Artur Beckers Sehnsuchtsland Kosmopolen ist ein Ort der Freiheit, der seine Bewohner aber auch in die Pflicht nimmt: „Deutschland zu verstehen, das ist für einen Polen eine radikale Aufgabe.“

Von Frank Füllgrabe