Aktuell
Home | Kultur Lokal | Der Junge mit dem Koffer im T.3
Paul Brusa spielt den Jungen, der über Jahre auf der Flucht ist und sich mit Sindbad-Geschichten Mut macht. Foto: theater/tonwert21

Der Junge mit dem Koffer im T.3

Von Hans-Martin Koch

Lüneburg. „Du glaubst“, sagt Naz, „du bleibst für immer an einem Ort, das ist zu Hause.“ Die Welt ist anders. Schüsse krachen, der Vater schreit, Mutter packt, Naz greift sich seinen Koffer, mit dem Bild seiner Familie darin, der Uhr seines Großvaters. Sie müssen weg, der Krieg zerstört den Ort, zerschmettert ihr Leben. Sie landen in einem Lager, doch bald wird Naz allein weiterziehen müssen, dabei ist er doch ein Junge von erst zehn Jahren. Es ist eine deprimierende Geschichte, die Mike Kenny in „Der Junge mit dem Koffer“ erzählt. Es ist zugleich die Geschichte von einem, der sich nicht unterkriegen lässt. Sie ist jetzt im T.3 des Theaters zu sehen, sie ist intensiv und berührt.

Es geht in schnellen Schritten durch die Schrecken, die einem Kind widerfahren, wenn es durch die Kälte und über die Berge muss, zu Kinderarbeit gezwungen wird, ausgeraubt wird von Milizionären, von einem Schiff verstoßen wird, das ihn ans Ziel bringen sollte und vieles mehr. London heißt das Ziel, dort lebt sein Bruder. Naz findet unterwegs eine Verbündete, Krysia. Sie hat Traumatisches erlebt, will nicht von Flucht, sondern von Reise reden. Naz und Krysia, sie verlieren sich in der Weite des Ozeans.

Ohne moralischen Zeigefinger und Klischees

Johan Heß inszeniert die Geschichte ohne moralischen Zeigefinger und ohne Klischees. Er lässt das Geschehen Action sein, aber auch Poesie, und schneidet es zusammen mit der Position des Erzählens. Immer wieder brechen dazu die Spieler aus ihrer Rolle aus. Wenn Naz und auch Krysia wieder ratlos und erschöpft sind, dann fragt sich Naz: „Was würde Sindbad tun?“ Die Geschichten von Sindbad, dem Seefahrer, hatte ihm sein Vater immer erzählt. Geschichten lindern die Not und den Schmerz, in ihnen keimt Hoffnung, sie bringen Mut zurück und auch die Lebensfreude ja, auch die tragen Naz und Krysia in sich, wenn ihr auch wenig Luft bleibt.

Naz wird das ersehnte London erreichen, seinen Bruder finden. Der Bruder ist nicht Arzt geworden, was sein Wunsch war. Er wäscht Autos. Naz wird sich dem anschließen. Es langt zum Überleben, ein gutes Leben sieht anders aus.

Die vier Schauspieler sind in 16 Rollen aktiv

Ausstatterin Barbara Bloch hat das T.3 mit einer Fülle von Spielflächen ausgestattet. Fast alles, was Umbau und Umziehen betrifft, geschieht offen. Die vier Schauspieler sind in 16 Rollen aktiv, und Johan Heß fordert sie heraus. Es ist eine schon choreographische Höchstleistung, wie Paul Brusa als Naz und Tülin Pektas als Krysia symbolhaft das Ausbeuten von Kinderarbeitern zeigen, die zwölf Stunden am Tag T-Shirts nähen. Das Aufbrechen der Methoden macht den Abend über das, was Kindertheater bietet, hinaus interessant.

Großartig, wie Sebastian Prasse als Geräuschemacher eingesetzt ist. Prasse spielt dazu unter anderem einen zynischen, herumtänzelnden Boss der Kinderarbeiter. Tülin Pektas zeigt die Krysia wunderbar borstig und zugleich tief sensibel. Martin Skoda ist kaum wiederzuerkennen, ist mal sich still sorgender Vater, dann verschlagener Schäfer und Menschenschmuggler. Es ist aber allen voran Paul Brusa, der mitfühlen und mitleiden lässt. Brusa, ungeheuer beweglich, macht spürbar, was ein Kind allein auf der Flucht erleiden muss, aber auch, welche Kraft in ihm stecken kann.

Kinder wie Naz leben mitten unter uns

Dieser Naz gibt nicht auf. Das Ziel, der Gedanke an die Eltern, Krysia und die Sindbad-Geschichten alles, alle helfen ihm. Es ist bitter, aber auch zart, was diese Geschichte zeigt. Nie wird der Bezug zur Gegenwart betont. Aber Kinder wie Naz, die doch nur ein Zuhause wollen, aber von Krieg und Terror in die Welt gesprengt wurden, sie leben unter uns.

Das Team um Johan Heß muss bis zum letzten Moment am Konzept gefeilt haben, immer knapp davor, zu viel zu wollen. Sie habens es schlüssig hinbekommen. 70 Minuten soll es dauern, so steht es im Programm. 110 sind es geworden. Jede zählt.