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Tilman Rammstedt beendete die LiteraTour Nord. Foto: t&w

Tilman Rammstedt liest im Heinrich-Heine-Haus

Lüneburg. Der Mann hat mit seinem Dasein ein Problem: Er ist noch nicht geboren, er ist noch nicht einmal gezeugt worden. Um ganz genau zu sein: Seine Eltern kennen sich überhaupt nicht, und so, wie es aussieht, haben sie auch nicht die Absicht, sich jemals kennenzulernen. Also muss ihr künftiger Sohn dringend etwas unternehmen, sonst setzt er — logisch! — seine Existenz aufs Spiel. Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit, denn der Tag der Befruchtung, wenn sie denn überhaupt stattfindet, rückt näher.

Das ist der Plot von Tilman Rammstedts Roman „Morgen mehr“ (Carl Hanser Verlag, 2016), der Autor war nun letzter Gast der Reihe LiteraTour Nord 2016/17 im Heine-Haus. Der Ich-Erzähler, den es eigentlich noch gar nicht gibt, geistert als zunehmend verzweifelter Beobachter durch das Geschehen. Eine ziemlich schräge Geschichte, die von Frankfurt/Main nach Paris führt. Durch die Lesung selbst führte Dr. Tilman Lahme, als Moderator sortierte er zusammen mit Rammstedt, was über „Morgen mehr“ zu sagen und zu erläutern ist.

Schriftsteller und Musiker

Tilman Rammstedt, 1975 in Bielefeld geboren, ist Schriftsteller und Musiker. Er betrieb in Berlin die Lesebühne „Visch & Ferse“, schreibt Erzählungen mit Titeln wie „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ und gewann 2008 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Titel „Morgen mehr“ ergibt sich aus der ursprünglichen Konzeption, jeden Tag erschien im Web ein neues Kapitel — die deshalb meistens kurz sind und Rammstedts Lektor nervöse, hektische Tage bescherte.

Die Protagonisten, das lässt sich nicht anders sagen, haben alle ein bisschen was an der Waffel. Der künftige Vater stolpert einem Typen vor die Füße, der eigentlich Uwe heißt, aber unter dem Künstlernamen Dimitri Gangsterkönig von Frankfurt werden möchte. Also wird Vater mit einzementierten Füßen in den Main geworfen, aber, wir ahnen es, er überlebt. Beide haben nun drei Gauner — stilvoll in Pelzmäntel gekleidet — an den Hacken, die seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander reden, sich nur stumm zunicken (wie harte Kerle das eben so tun) und eigentlich bald in Rente gehen wollen.

Auf der anderen Seite ist da die künftige Mutter, die in Marseille einem melancholischen Franzosen verfällt, sich aber hauptsächlich deswegen mit ihm einlässt, weil eine Affäre mit einem melancholischen Franzosen auf ihrer Liste der noch zu erledigenden Dinge steht. Das alles macht die Elternzusammenführung nicht leichter.

Road-Movie und Gauner-Komödie

„Morgen mehr“ ist ein Road-Movie und eine Gauner-Komödie, die irrlichternde Erzähler-Person verweist auf das Epos „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne (1713–1768), der skurrile, typisch angelsächsische Humor wiederum erinnert an die Space-Opera „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams (1952-2001). Dieser Humor, der nicht auf eine Pointe aus ist, sondern im Tonfall selbst steckt, funktioniert etwa so: „Er trug einen Kopfhörer, der aber nirgends angeschlossen war, denn der Walkman war noch nicht erfunden.“ Das Ganze spielt nämlich in den 70er-Jahren, die Kulisse ist allerdings eher nebensächlich, tatsächlich geht es darum, wie diese merkwürdigen Helden herumgeschubst werden.

Die Helden der LiteraTour Nord können nur abwarten: In den nächsten Tagen entscheidet die Jury, wer den mit 15000 Euro dotierten Lese-Preis der Tour gewinnt. Zur Debatte stehen Olga Martynova, Teresa Präauer, Benedict Wells, Kathrin Röggla, Sabione Gruber und eben Tilman Rammstedt. Auch das Publikum ist per Stimmzettel an der Entscheidung beteiligt.

Von Frank Füllgrabe