Aktuell
Home | Kultur Lokal | Was macht ein Literaturbüro?
Kerstin Fischer leitet seit 2000 das Literaturbüro im Heinrich-Heine-Haus. Foto: t&w

Was macht ein Literaturbüro?

Lüneburg. Hinter ihr stapeln sich Bücher, sie füllen ein Regal, und auf dem Schreibtisch liegen natürlich auch einige. Zum Lesen aber kommt Kerstin Fischer weit weniger als sie möchte. Den Beweis liefert noch ein Regal, es ist voll mit Aktenordnern. Seit 2000 leitet Kerstin Fischer das Literaturbüro Lüneburg, offiziell mit einer 32-Stunden-Stelle, aber auf die Stunden sieht sie nicht. Sie will einen guten Job machen und allein die Konstanz der Qualität und der Zuspruch des Publikums zeigen: Da macht jemand wohl was richtig.

Das Literaturbüro besteht seit Januar 1993, erster Leiter war Heinz Kattner. Der Lyriker und Herausgeber von Lyrik-Editionen stand wesentlich für die Konzeption des historischen Hauses, für das nach umfassender Sanierung eine kulturelle Zweckbindung bestand. Da in dem Haus Heinrich Heine wiederholt seine Eltern besuchte, die von 1822 bis 1826 im zweiten Obergeschoss wohnten, bot sich die Namensgebung an. Neben dem Literaturbüro bekamen auch der Bund Bildender Künstler und der Kunstverein Büroräume im ersten Geschoss. Das Land trägt die Stelle, die Stadt stellt die Räume und eine Halbtagskraft in Sachen Sekretariat.

Das Haus der knarrenden Dielen

Nirgendwo knarren Dielen so verlässlich und unüberhörbar wie im Heine-Haus. Heimlich sich davonstehlen, weil die Lesung nicht gefällt, ist unmöglich. Auch wenn sie mitunter anstrengend sein können. Denn das Literaturbüro steht als öffentlich geförderte Einrichtung für anspruchsvolle Literatur, auch und gerade für das, was nicht kommerziell erfolgreich ist.

Das Krimigenre zum Beispiel ist in Lüneburg hochkarätig abgedeckt, vor allem durch das Lünebuch-Krimifestival. Junge, satirische Formate im Salon Hansen, Rezitationen im Kulturforum, Lesungen bei Bücher am Lambertiplatz oder die von Heidi Petermann in Bleckede runden das Angebot ab und es gibt noch viele weitere Orte, an denen Literatur stattfindet.

Für jede Reihe von „Grenzenlos“ bis „Ausgewählt“ muss Kerstin Fischer die Finanzierung sichern, Anträge stellen, abwarten. Planen muss sie langfristig und einen engen Kontakt zu Verlagen pflegen. Denn die schicken ihre Autoren auf Tour, und auf deren Weg liegen erst einmal größere Städte. Das Echo von Autoren jedoch, die nach Lüneburg kommen, ist gut bis sehr gut. Eigentlich alle wollen wiederkommen das Publikum, der Ort, die Betreuung, es passt. Was im deutschsprachigen Raum Rang und Namen hat und hatte, war in der Tat da: Grass und Lenz und Walser für die Generation der prägenden Nachkriegsautoren ließen sich nennen, die Nobelpreisträgerinnen Herta Müller und Elfriede Jelinek, die jüngere Erfolgsgeneration um Daniel Kehlmann und Robert Seethaler.

Kerstin Fischer würde gern mehr amerikanische Autoren der Gegenwart präsentieren. Aber wenn sie mal nach Europa kommen, dann kommt Lüneburg gegen Berlin, Hamburg und München eben nicht an. Deutschsprachige Gegenwartsliteratur bleibt der Schwerpunkt im Heine-Haus. 30 und mehr Literatur-Abende plant Kerstin Fischer, wichtigster Kooperationspartner in Lüneburg ist die Literarische Gesellschaft. Wichtig ist auch der Beirat

Autoren der Gegenwart stehen im Zentrum

Viele Autoren der Gegenwart, die auf dem Weg zur Professionalisierung sind, kennen das Heine-Haus. Knapp 50 Stipendiaten hat das Haus bereits Kost und Logis geboten. Der erste war 1993 Thomas Rosenlöcher, die Planung ist bis Ende 2018, wenn Eleonora Hummel kommt, abgeschlossen. Das vom Literaturbüro betreute Stipendium richtet sich an Autoren, die ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Das zweite nämlich ist immer das Schwerste. Manche, die im Heine-Haus waren, sind ein wenig in der Versenkung verschwunden. Andere sind längst prominent: Reinhard Jirgl, Felicitas Hoppe, Marion Poschmann, Robert Seethaler oder Sabine Gruber, die gerade im Rahmen der LiteraTour Nord wieder in der Stadt war

Die frühere Stipendiatin Antje Rávic Strubel erhält in diesem Jahr (22. Juni) die andere Auszeichnung, die vom Heine-Haus seit 2009 vergeben wird: die Heine-Gastdozentur. Sie ist mit einem Kompaktseminar und einer Lesung an der Leuphana verbunden. Erster Preisträger war Uwe Timm.

Ganz wichtig ist für Kerstin Fischer ein Bereich, der in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, nämlich die zu „erreichen, die zu Hause kaum mit Kultur in Kontakt kommen“. Mit verschiedenen Programmen ist Fischer in Schulen unterwegs, besonders in Oberschulen, Grundschulen im Bereich sozialer Brennpunkte und an den Berufsbildenden Schulen. Da kommt auch mal eine Buch-Illustratorin wie Nele Palmtag oder animiert Poetry-Slammer Ken Yamamoto Schüler zu eigenen Textversuchen.
Zwei Halbjahresprogramme legt Kerstin Fischer vor. Neuen Formaten der Literaturvermittlung steht Kerstin Fischer offen gegenüber. Aber: „Eine gute Wasserglas-Lesung ist noch immer das Beste.“

Von Hans-Martin Koch