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EU-Mann Peter Rübenbauer (Thomas Freitag) versteht seinen Laden nicht mehr. Foto: t&w

Kabarettist Thomas Freitag in Lüneburg

Von Elke Schneefuß
Lüneburg. Peter Rübenbauer versteht die Welt nicht mehr: Eben noch war er im Auftrag der EU unterwegs, um neue Infrastruktur auch in die entl egensten Ecken des Kontinents zu bringen — Kreisverkehre, darum geht es. Sein ganzes Berufsleben lang hat er die europäischen Mitgliedstaaten mit neuem Asphalt beglückt. Und jetzt findet er sich plötzlich im Nirwana wieder, gestrandet an einer Bushaltestelle mit Parkbank, an der ganz offensichtlich schon längst kein Bus mehr verkehrt. Was ist passiert? Rübenbauer versteht es selbst nicht, doch die Furcht, sein irdisches Dasein noch vor Erreichen der Pensionsgrenze hinter sich gelassen zu haben, ist groß. Davon erzählt der Kabarettist Thomas Freitag im Kulturforum Gut Wienebüttel.

Die Polen wollen immer nur Kreuze

Immerhin, der Mann war wirklich überall. Muss ja auch, denn die EU-Kommissare sind es bestimmt nicht, die in Brüssel die Arbeit machen. Beamte der Besoldungsgruppe A 14 halten den Laden am Laufen, mit unterschiedlichem Erfolg allerdings. In Portugal zum Beispiel hat man Rübenbauer stets den roten Teppich ausgebreitet: zuzüglich zum Nachtlager wurde ihm da auch die älteste Tochter als Gesellschafterin angeboten. Kein Wunder, im strukturschwachen Portugal ist ein Kreisverkehr in manchen Regionen das Beste, was den Leuten überhaupt passieren kann. Anders im katholischen Polen, da wollen sie keine Kreisverkehre. Ein Kreuz ist alles, was da infrage kommt.

Die Briten nerven am meisten

Leicht hatte er es also nicht, der EU-Beamte Rübenbauer — zumal es derzeit um seinen Arbeitgeber schlecht bestellt ist. 30 Prozent der im EU-Parlament vertretenen Parteien wollen raus aus der europäischen Gemeinschaft: Was soll denn das, geht ein Vegetarier etwa ins Steakhouse? Oder ein katholischer Geistlicher ins Bordell? Schlechtes Beispiel, das letztere, macht aber nichts. Rübenbauer ist schnell wieder bei seinem Sujet. Die Abweichler, die ewig Undankbaren, die Rechtspopulisten, alles furchtbar, und die Briten vorne weg.

Sie waren es auch, die Rübenbauer mutmaßlich und im wahrsten Sinne des Wortes um die Ecke gebracht haben: bei der Eröffnung eines neuen, mit EU-Mitteln geförderten Kreisverkehrs auf der griechischen Insel Lesbos sind sie wieder verkehrt herum in den Kreisel eingefahren. Rechts- und Linksverkehr, das bringen die Briten nicht, und dann hat‘s geknallt. Und das, obwohl Rübenbauer gerade mit seinem letzten Kreisverkehr ein Meisterwerk vollbracht hat: 16 Millionen Euro hat der gekostet, auch wenn man auf Lesbos für anderes mehr Verwendung gehabt hätte. Ein Kunstwerk steht mittendrin im Kreisel, es versinnbildlicht die größten Erfolge der europäischen Gemeinschaft — diese sind allerdings bei Lichte besehen ziemlich schwierig darzustellen, denn die EU, das sieht auch der treue Beamte so, befindet sich im ständigen Verfall. Es fehlt an gemeinsamen Werten, im Prinzip geht‘s nur noch ums Geld. Keine Religion, keine Philosophie, nur gemeinsame Wirtschaftsinteressen.

Ein Bollwerk gegen die Afrikaner

Das immerhin, das ist auch schon etwas: gemeinsam die Festung Europa verteidigen, gegen die Flüchtlinge, das ist die neue Basis. Unseren Reichtum, den wollen wir behalten. Auch wenn das schlechte Gewissen manchmal zwickt: Rübenbauer hat deshalb ein Patenkind in Afrika, die Suny. 320 Millionen Afrikaner, die auf der Flucht vor dem Hunger und dem Krieg Europa überfluten, undenkbar. Schon bei der Vision bleibt dem Zuschauer das Lachen im Hals stecken, aber das soll es ja auch.

Ein Mann rechnet ab, und zwar gründlich

Thomas Freitag ist nicht daran gelegen, mit seinen Fans zu schmusen. Vor allem in der ersten Halbzeit rechnet er ab, das ist komisch, aber manchmal auch gallebitter. Schauspieler hat er gelernt, das merkt man. Sein Peter Rübenbauer räumt ab, und zwar gründlich. Dem Mann möchte man nicht unbedingt im nächsten Kreisverkehr begegnen, weder tot noch lebendig. Eine Zwei-Stunden-Radikalkur für Europa, und wer es noch nicht wusste, der weiß es jetzt: ein Kurswechsel ist fällig, am besten gestern.