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Weltdurchdringer Gert Scobel im Gespräch mit Martina Sulner. Foto: t&w

Gert Scobel zu Gast in Lüneburg

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Wer zu Gert Scobel geht, weiß, was ihn erwartet. Oder auch nicht. Sicher, der Philosoph, Theologe, Wissenschaftstheoretiker, Jou rnalist, Buchautor, Satiriker, Moderator, Professor und vieles mehr würde Blitzlichter des Intellekts werfen. Dass er aber ein derartiges Brillantfeuerwerk der Gedanken abfeuert im voll besetzten Glockenhaus, das war schon verblüffend und ein wenig erschlagend. Scobel feuerte in in alle Richtungen, sein Spektrum reichte von überraschend vielen Gin-Sorten bei Tschorn über das Ende der Beschleunigung bis zur Postwachstumsgesellschaft. Vor allem ging es um Komplexität, Fiktion und den fliegenden Teppich.

Scobel, Jahrgang 1959, nennt sein neues, noch im März erscheinendes Buch „Der fliegende Teppich. Eine Diagnose der Moderne“. Der fliegende Teppich dient als Metapher für viele seiner Themen, beginnend damit, dass wir auf einem solchen leben. Wir meinen zwar, auf festem Boden zu stehen. „Wenn wir aber bedenken, was wir tun, wo wir sind, wer wir sind, haben wir keinen festen Boden. Der besteht größtenteils aus Leere.“ Was ganz konkret physikalisch gemeint ist, aber weiter reicht bis zum Problem vermeintlich klarer Definitionen und Selbstpositionierung. „Das Ich ist nicht zu fassen“, sagt Scobel, irgendwann komme man zu einer willkürlichen Setzung. „Je tiefer Sie reingehen, desto weniger verstehen Sie.“ Was uns hilft, ist ein „Gewebe von Sicherheit“: Beziehungen, soziale Netze etc.

Fliegender Teppich dient als Metapher für viele seiner Themen

„Der fliegende Teppich“ passt — um ein weiteres Thema des Abends aufzurufen — zur atemberaubenden Beschleunigung, die viele Bereiche des Lebens kennzeichnet. Konnte der Teppich im Märchen den Fliegenden sekundenschnell von A nach B bringen, so habe heute Geschwindigkeit in einem Maße zugenommen, dass es irreal werde und das Ende der Beschleunigung erreicht sei. „Wenn Zeit und Ort keine Rolle mehr spielen, wie wollen sie dann noch beschleunigen?“

Vieles, was Scobel aufreißt, scheint ein wenig offen, aber das ist Programm. Scobel wehrt sich gegen vermeintlich gültige Definitionen, „die Ränder sind immer unscharf“. Scobel öffnet lieber Gedankenräume, er will mit seinem Buch einen Kompass bieten und betont die Komplexität. „Schwierige Probleme lassen sich nicht aus nur einer Perspektive lösen. Wir vereinfachen zu viel.“ Komplexität sei verwirrend, nie gänzlich zu durchschauen — „die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist eben leider anstrengend.“ Und widersprüchlich. Populisten, den Begriff nimmt Scobel nicht, machten es glatt und einfach. „Mache ich es aber zu glatt, geht das eine Zeitlang gut, dann kracht das zusammen.“

Eine freie Gesellschaft ist die sicherste

Zugleich plädiert Scobel für eine freie Gesellschaft, sie sei die sicherste. Je unfreier eine Gesellschaft werde, desto gefährlicher. Wenn nämlich eine andere Meinung zu Verfolgung führt, werde irgendwann jeder jeden kontrollieren, am Ende mit Waffen. Der Blick geht dabei zum Beispiel auf die Türkei.

Immer wieder kommt Scobel beim Blitzlichtern auf das Geflecht von Fiktion und Realität zu sprechen. Um Realität zu verstehen, brauche es Fiktionen. Sie seien Überlebenswerkzeuge. „Wir brauchen Theorien, Begriffe, Fiktionen, um uns der Wirklichkeit anzunähern.“

Moderatorin Martina Sulner warf an diesem Abend des Literaturbüros viele Anker aus, die Scobel löste, um gedanklich weit zu segeln, durchbrochen von Pointen, auch von Selbstironie. Das war faszinierend, auch anstrengend, aber so ist das mit der komplexen Welt. Aus seinem Buch las er nur am Rande. Donnerstag geht es in „scobel“ auf 3sat um Interdisziplinarität.

2 Kommentare

  1. Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

    Im Ernst. Die Relativierung jedes Systems ins Offene mit „unscharfen Rädern“ nannte man früher Beliebigkeit. Sowohl wissenschaftlich als auch zwischenmenschlich schon immer enttäuschend. Wer Fakten meidet, kann nicht erklären. Und so ist selbst das auf dem Teppich bleiben bei Scobel von freier, fliegender Natur. Es begeistert alle, die nicht nachfragen wollen. Eine gute Gesellschaft ist besser als eine schlechte. Wieder viel gelernt.

    • Andreas Janowitz

      Trump ist einfach überall: keine Ahnung aber eine „Meinung“ erdreisten.
      O.k. wenig beeindruckender Troll: man lese Karl Popper und lerne was die Feinde der offenen Gesellschaft sind.
      Nun husch husch ins Höhlchen!