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Musik. Tanz und Sprache verbinden sich in dem Stück, das Sonnabend im Theater Lüneburg uraufgeführt wird. Foto: tamme

Wer schläft, liebt nicht

Lüneburg. Johannes Elias Alder ist der tragische Held eines berühmt gewordenen Romans, eines erfolgreichen Films, einer Oper, eines rockigen Konzeptalbums und mehrerer Dramatisierungen. „Schlafes Bruder“ ist eine Geschichte, die tief berührt. Sie handelt von Liebe, Musik und Tod. Lüneburgs Ballettchef Olaf Schmidt hat sich – nicht zum ersten Mal – tief in Werk und Wirkung hineinbegeben und daraus mit vielen Partnern ein Musiktheaterstück geschaffen. Uraufgeführt wird das Werk am Sonnabend, 4. März, im Theater Lüneburg. Es dürfte die bedeutendste Produktion dieser Spielzeit werden.

Kurz nachdem der Roman von Robert Schneider 1992 erschien, besuchte Olaf Schmidt das Dorf, das der Geschichte zugrunde liegt und in dem Schneider auch heute lebt: Meschach, 62 Einwohner, im österreichischen Bundesland Vorarlberg. „Ein sehr spezieller Ort in einem schmalen, engen Tal. Man fühlt sich am Ende der Welt“, sagt Olaf Schmidt. Er traf den Autor, bekam die Rechte für ein Tanzstück, brachte es 1993 in Kaiserslautern heraus. Die Produktion wurde auch nach Bregenz eingeladen, die Vorarlberg-Hauptstadt.

Die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder ließ Olaf Schmidt nicht los. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der mit 22 Jahren beschließt, nicht mehr zu schlafen. Elias, ein Kind dieser engen Bergwelt, ist ein musikalisches Genie. In seinem Herzen brennt eine Liebe, die sich nicht erfüllen wird, aber er folgt ihr mit bewusst tödlicher Konsequenz, den Worten eines Wanderpredigers folgend, wonach ein wahrhaft Liebender niemals schlafe. Das ist, grob verkürzt, der Kern der Geschichte.

„Wenn man das Buch einmal liest. wirkt es düster. Liest man es öfter, bemerkt man den Humor darin“, sagt Olaf Schmidt. Auch der Film mit André Eisermann habe die Ironie außer Acht gelassen, bediene vorwiegend Klischees. „Für mich“, sagt Schmidt, „ist es die Geschichte eines Künstlers, der seine Sache. . .“ Das stockt Schmidt, lehnt sich zurück, verschränkt Arme und Beine, „jetzt wird es sehr persönlich“. Es hat etwas mit der Konsequenz zu tun und mit der Kompromisslosigkeit, mit der einer für seine Sache lebt.

Vier Tage ist Olaf Schmidt mit seiner Ballettcompagnie nach Meschach gefahren. „Ich wollte, dass Tänzer, die aus Vietnam kommen oder aus Brasilien, diese sehr spezielle Atmosphäre erleben.“ Dass so ein gemeinsamer Trip für den Zusammenhalt in der Gruppe wertvoll ist, kommt hinzu.

Lange aber hat Olaf Schmidt getüftelt, wie er die Produktion anpacken soll, die im Rahmen des Lüneburg-Projekts „Spuren.Suche.Zukunft – 500 Jahre Reformation“ steht. Beteiligt ist ein großer Chor aus Mitgliedern der Kantoreien von St. Johannis und St. Michaelis, dazu kommen die Chöre des Theaters. Das Ballett ist natürlich wesentlicher Träger der Geschichte, aber auch die Sänger Signe Heiberg, Franka Kraneis, Regina Pätzer, Ulrich Kratz und Timo Rößner. Er habe zunächst nicht gewagt, den Autor des Romans einzuladen, jetzt wäre er eigentlich so weit. Die Produktion steht, und von Chormitgliedern ist zu hören, wie sehr sie von der Inszenierung ergriffen sind. „Es ist ein Bildertheater geworden“, sagt der Regisseur und Choreograph.

Die Musik, die Elias mit Hingabe spielt, kommt von Johann Sebastian Bach. Sie wird den Abend mitprägen, unter anderem erklingt der Eingangs-Chor der Matthäuspassion. Die Musik hat Olaf Schmidt mit dem Chefdramaturg Friedrich von Mansberg zusammengestellt. Werke von Mozart, Pärt und Monteverdi kommen hinzu. Joachim Vogelsänger, Kantor der Johanniskirche, hat die musikalische Leitung übernommen. Sein Michaelis-Kollege Henning Voss wird mit ihm im Wechsel dirigieren, auch Theater-Generalmusikdirektor Thomas Dorsch ist natürlich einbezogen.
Zu bewegen sind auf der Bühne weit mehr Akteure als in Meschach leben. Über hundert Kostüme hat Susanne Ellinghaus entworfen, viel Arbeit für die Kostümabteilung. Das Bühnenbild schuf Barbara Bloch, sie nutzt unter anderem Orgelpfeifen.

Die Premiere am kommenden Sonnabend, 20 Uhr, ist ausverkauft. Kurzfristig könnten Plätze frei werden. Die nächste Aufführung findet am 8. März statt.

Von Hans-Martin Koch