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Der Lloyd-Webber-Musicalklassiker „Evita“ zählt aktuell zu den erfolgreichen Produktionen im Theater. Foto: theater/ tonwert21.de

Die Zukunft des Theaters bleibt wackelig

Lüneburg. Das Theater erfreut sich nach wie vor großer, sogar leicht steigender Beliebtheit. Kaum eine Bühne wirtschaftet im bundes- und la ndesweiten Vergleich besser, trotzdem bleibt das Problem mit dem Geld, ein Problem, das aus eigener Kraft nicht gelöst werden kann. Deutlich wird die Situation im Bericht für das Geschäftsjahr 2015/16, den Theater-Geschäftsführer Volker Degen-Feldmann am Mittwoch, 8. März, dem Wirtschaftsausschuss des Rates vorlegen wird. Am Ende des Jahres steht ein – letztlich moderater – Fehlbetrag von 20.591 Euro.

Das Theater spart, wo es kann. So wurde eine Produktion des Schauspiels gestrichen, was rund 50.000 Euro einspart. Trotzdem ist es gelungen, die Besucherzahl zu steigern, um exakt 1357 auf insgesamt fast 106.000. Seit 2012/13 erhöhte sich die Besucherzahl damit um mehr als neun Prozent. Das kann nicht in jedem Jahr so laufen, aber mehr als 100.000 Besucher sind immer ein Wunschziel des Theaters.

Die laufende Spielzeit wird bis jetzt sehr gut angenommen

Es sieht – bis jetzt – auch für die laufende Saison gut aus. „Wir dürfen hoffen“, sagt Intendant Hajo Fouquet in aller Vorsicht, „wieder ein ähnlich gutes Ergebnis zu erreichen.“ Aktuelle Renner der laufenden Saison sind „Frau Müller muss weg“ (letzte Vorstellung am 11. März), „Evita“ (wieder am 7. März) und „Im weißen Rössl“ (letzte Aufführung am 19. März).

2015/16 wurde das Streichen der Schauspielproduktion weitgehend aufgefangen. Zum einen durch Übernahmen aus dem Vorjahr, zum anderen durch zusätzliche Vorstellungen gefragter Produktionen. Das waren etwa „Anatevka“, „Kiss Me Kate“ und der Ballettabend „Flügelschlag“. Im Großen Haus liegen die Daten stabil, unterm Strich steht ein Plus auf statistisch 437,8 Zuschauer pro Vorstellung gegenüber 434,6 im Vorjahr.

Umsatzerlöse sind gestiegen

Zu den guten Besucherzahlen trugen wesentlich das Weihnachtsmärchen, das T.3 und Gastspiele etwa im T.NT bei. Das T.3 als Ort für Kinder- und Jugendstücke steigerte seine Besucherzahl enorm, um fast 2000 auf mehr als 16.000. Als Zielzahl wurde bei der Eröffnung eine Marge von 10.000 ausgegeben. „Dass wir auf den kleineren Bühne mit ihren besonderen, auch unkonventionellen Angeboten solchen Zuwachs haben, zeigt uns, dass wir breitere Publikumsschichten erreichen. Das freut uns sehr“, sagt Fouquet.

Gestiegen sind durch die höhere Besucherzahl und eine Steigerung der Kartenpreise die Umsatzerlöse. Wie Lüneburg dasteht, macht der Vergleich deutlich. Der Zuschuss pro Besucher liegt in Lüneburg bei 62,60 Euro. Im Bund beträgt er 121,10 Euro, im Land 110,47 Euro. Bei anderen Richtwerten wie dem Einspielergebnis liegt Lüneburg ebenfalls weit besser als der Schnitt.

Minus bleibt Minus

Im Wirtschaftsplan hatte Degen-Feldmann noch mit einem Verlust von 181.000 Euro kalkuliert. Das erzielte Ergebnis mit gut 20.000 Euro Verlust ist also um rund 160.000 Euro besser als befürchtet ausgefallen. Aber Minus bleibt Minus. Das Theater hofft weiter, dass im zuständigen Landesministerium etwas getan wird, um die kommunalen Theater besser abzusichern. Für Lüneburg gilt: „Aus heutiger Sicht ist die Liquidität bis zum Ende des Jahres 2017 gesichert.“ Die Perspektive bleibt düster: Für 2016/17 prognostiziert Degen-Feldmann einen Fehlbetrag von 120.000 Euro, der sich bis 2020/21 auf 463.000 Euro aufschaukelt. Das wäre tödlich.

Der Vertrag mit dem Land läuft bis 2018. Gemindert wurde die prekäre Lage durch einmalige Zuschüsse über die „politische Liste“. Das sind Mittel, die von den Fraktionen verteilt werden können. Die Abgeordneten sehen den Handlungsbedarf. Nicht gelungen ist es aber, diese Einmalsummen bei Ministerin Gabriele Heine-Kljajic (Grüne) zu verstetigen. Im Lagebericht des Theaters heißt es: Die Trägergesellschaft des Theaters „ist jedoch auf eine deutliche Erhöhung der derzeitigen Bezuschussung sowie den vollständigen Ausgleich der Mehrkosten für Tarifsteigerungen durch das Land und die kommunalen Träger angewiesen, um zum Ende der Vertragsperiode bis 2018 keine existenziellen Finanzierungsprobleme zu bekommen.“

Von Hans-Martin Koch

Etat-Kernzahlen

Der Etat des Theaters lag im Wirtschaftsjahr 2015/16 bei 8,9 Millionen Euro. 6,8 Millionen kommen in etwa zu 50 Prozent vom Land, zu 50 Prozent von Stadt und Kreis.

Mit Umsatzerlösen von gut 1,5 Millionen Euro füllt das Theater die Kasse auf, sonstige betriebliche Erträge von 515 000 Euro kamen für Baumaßnahmen ins Haus.

7 Kommentare

  1. 8,9 Mio. betrug der Etat der Theaters für das Wirtschaftsjahr 2015/16. 1,5 Mio. hat das Theater aus Umsatzerlösen dazu beigetragen. Das entspricht knapp 17%. Profitabel lässt sich das nicht nennen. Und gut 100 Tsd. Besucher dürften nicht 100 Tsd. unterschiedliche Personen gewesen sein, sondern ich vermute viele „Wiederholungstäter“ darunter.
    Alles in allem ein teures „Vergnügen“ für die Steuerzahler. Ob das berechtigt und wirklich im Allgemeininteresse ist halte ich zumindest für fraglich und diskutierbar. Ein ganzes Ensemble wird damit ernährt während jeder freischaffende Künstler (ob Musiker/Sänger, Kabarettist, Bildhauer, Maler etc.) selbst verantwortlich für seinen wirtschaftlichen Erfolg ist. Kunst und Kultur ist beides trotzdem zuzuordnen.

    • Kulturschaffender

      Liebe Heidi, danke für diesen Realismus. Du wirst uns auch erst vermissen, wenn wir weg sind.
      Lüneburg lebt vom Tourismus und ist eine vergleichsweise reiche und attraktive Stadt.
      Dazu trägt das Theater bei.
      Ein Theater ist ein repräsentatives Prestigeobjekt.
      Attraktivität durch vielseitiges Kulturangebot lockt ausgabewillige, ausgehfreudige Menschen an, die in der Stadt Umsatz machen, das kommt der Stadtkasse zu Gute.
      Orte der Versammlung und Kommunikation wie ein Theater sind unerlässlich für die Bürger- und Menschenpflege.

      Ich kann Deine wundervoll realistische Art, dass sich alles durch eigene Arbeit tragen muss, nachvollziehen. Aber dann sterben die schönen Orte. Nur Dein Büro bleibt.
      Also, wofür arbeiten wir dann?

      • Denise Schmitt

        „Tourismus“? „Attraktivität durch vielseitiges Kulturangebot“? „Ein repräsentatives Prestigeobjekt“? „Lockt ausgabewillige, ausgehfreudige Menschen an“? „In der Stadt Umsatz machen, das kommt der Stadtkasse zugute“? „Ort der Versammlung und Kommunikation“? „Unerlässlich für die Bürger- und Menschenpflege“?

        Das ist die Argumentation eines kleinkrämerischen Ladenschwengels, der in Jahrmarkts-, Tanzbuden- und Sozialarbeiterkategorien denkt! Wenn das Theater nur dazu dienen soll, geselligkeitsbedürftigen Laufkunden die Penunze aus der Tasche zu leiern, taugt es nicht und gehört auf den Müll.

        Was kann, was soll eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?

        Darüber empfehle ich Ihnen, dem armen, kleinen, mutlos bettelnden, anonymen „Kulturschaffenden“, einmal gründlich nachzudenken! — Um etwas Schwung ins offenbar bereits habituell gewordene Bezahlgrübeln zu bringen, ist vielleicht die folgende Einstiegsdroge (Bitte vor dem Zurückquasseln von Einwänden und Widerworten erst einmal auswendig lernen!) gerade das Richtige: http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350470_0160_Schiller_Schaubuehne.pdf

        • Konrad Grothuysen

          Ich stimme zu! Die künstlerische Qualität ist das einzige Argument, das zählt. Um jene zu gewährleisten müssen alle vier, fünf Jahre Intendant, Dramaturgen und Regisseure an andere Häuser in anderen Städten wechseln und frische Kräfte mit frischen Ideen nachrücken. Nur so bewahrt man die performative Leistung vor dem Nachlassen, dem Erstarren in Routinen und dem schnell folgenden Kältetod, wie es an den Lüneburger Bühnen leider zu beobachten ist. Es sind doch im Grunde die tollen Aktiven der Ensembles, die aus den angestaubten, müden Konzepten immer wieder kleine Funken großen Könnens schlagen. Wo die Darbietungen überzeugen, werden auch die Subventionen nicht ausbleiben. Der Tod von Schauspiel, Oper und Ballett ist das vulgäre Gequatsche von „kultureller Bildung“, von „Standortaufwertung“, „Fremdenverkehrsförderung“ und dergleichen geistvergessener Speichelleckerei. „Wir machen Theater!“, muss die Parole lauten. „Kommt und schaut! Dort begegnet ihr nicht nur dem Kaufhauskönig und dem Oberbürgermeister, sondern auch euch selbst!“

          • Jonas Biermann

            Um die künstlerische Qualität „zu gewährleisten müssen alle vier, fünf Jahre Intendant, Dramaturgen und Regisseure an andere Häuser in anderen Städten wechseln und frische Kräfte mit frischen Ideen nachrücken.“

            Sollte Herr von Mansberg am Jahresende Manfred Nahrstedt als Landrat vorzeitig ablösen, könnte aus der bitter nötigen Erneuerungs- und Impulsoffensive An den Reeperbahnen 3 mittelfristig sogar etwas werden.

      • @ Kulturschaffender

        Was ginge tatsächlich verloren, wenn das Theater in seiner bestehenden Form endete? Gewiß nicht die Kultur, als deren Sachwalter es sich aufführt; und gewiß auch litte das öffentliche Bewußtsein keinen Schaden, weil das Theater nichts dazu beiträgt. Schon Max Frisch jedenfalls fand die Vorstellung vom plötzlichen Ende des Theaters „belebend“.

        Bist du anderer Ansicht? Dann demonstriere, indem du es machst, warum Theater sein muss, aber höre auf uns einzureden, wir müssten einfach daran glauben!

        Bilde, zeige, was du kannst, bezaubere uns, lehre uns sehen, Künstler, — und rede nicht so viel Blech! (Nach Goethe)

  2. Peter Förster

    Hallo Frau Schmitt, hallo Herr Bilek,

    warum sind Argumente so attraktiv, die den nicht- oder außerkulturellen „Nutzen“ von Kultur begründen?

    (1) Wir sind derzeit in einer tiefen Krise öffentlicher Haushalte. Aber die Konsolidierungsproblematik begleitet die Kulturpolitik der öffentlichen Haushalte schon lange. Wenn man sagt, etwas nützt, eine bestimmte öffentliche Ausgabe ist wirtschaftlich nützlich, ist das ein wunderbares einfaches Argument zur Verteidigung dieser Ausgabe, und das besonders in bedrängten Zeiten.

    (2) Es geht bei kulturpolitischen Ausgaben – das wird in der Kulturprogrammatik häufig vergessen – auch immer um die Konkurrenz in öffentlichen Haushalten. Da steht ja Kultur gegen Kindergarten und Kultur gegen Schule usw. Und da scheint es nicht zu reichen, wenn Kulturausgaben aus sich heraus gut zu begründen sind, sondern sie sollten auch im Kontext verteidigbar sein.

    (3) Eine Kulturausgabe, die sich in einem wirtschaftlichen Kontext bewährt, passt gut in den Zeitgeist, denn der Zeitgeist ist immer noch ökonomisch. Die Hegemonie des ökonomischen Denkens scheint in der Krise gefährdet. Aber wenn ich betrachte, wie über Haushalte verhandelt wird oder wo Geld hingegeben wird, so steht die Ökonomie immer noch ganz vorne.

    Allerdings ist es in der Regel nicht möglich, kulturpolitische Einzelförderung mit volkswirtschaftlichen Argumenten zu begründen. Sie müssen mit betriebswirtschaftlichen Folgeargumenten begründet werden. Ein solcher ernüchternder Befund muss nicht heißen, dass volkswirtschaftliche Argumente sinnlos sind: Sie sind aber nicht hinreichend.

    Dennoch: Kulturtourismus ist ein Sonderfall. Kultur ist ein touristisches Motiv. Städtetourismus ist häufig Kulturtourismus. Das gilt sicherlich für den Tourismus in Hamburg mehr als für den in Lüneburg, also auf dem Land, wo Baden, Wandern, Reiten, Bauernhof primäre Motive sind und Kultur an Schlechtwettertagen bloß „mitgenommen“ wird. Aber mit Kultur lassen sich Tourismusregionen profilieren und lässt sich der Tourismus vor allem in der Nebensaison verlängern und verstetigen. Ob dies große Festivals braucht oder wirtschaftlich rechtfertigt, kommt auf eine Einzelfallprüfung an.

    Für den durchschnittlichen öffentlich geförderten Kulturbetrieb, in einer durchschnittlichen Lage und mit durchschnittlicher Größe kann auch das Argument der indirekten Rentabilität nicht fruchtbar bemüht werden. Man Denke an das Theater unserer Stadt ohne großen Kulturtourismus, an die Musik- und Kunstschule, an einen (noch gar nicht existenten) Hallenbetrieb mit Gastspielkonzerten großer Orchester, dann kommt man nach Rentabilitäts- und auch Umwegrentabilitätsüberlegungen ganz sicher auf ein negatives Ergebnis.

    Da gehört der Bereich kulturelles Standort- und Stadtimage durchaus zu den positiven Überlegungen. Hier geht es nicht allein um Rentabilität. Kultur kann helfen, einen Standort zu profilieren.

    Zwingende ökonomische Begründungen für die Kulturförderung sind bisher nicht gefunden worden, und das gilt auch für „Kultur als Standortfaktor“. Kulturausgaben sind – auch wenn es immer wieder nachgesprochen wird – keine „Investitionen“, sondern Ausgaben. Wenn der Vorhang im Theater zugeht, ist das Geld für die Aufführung aus- gegeben, die Zuschauer sind erbaut oder erbost und gehen nach Hause.

    Eine nur ökonomische Argumentation zur Rechtfertigung von Kulturförderung ist aber auch kulturpolitisch problematisch.

    Das eine Argument ist oft gebraucht worden: ökonomische Begründungen für Kultur lenken von der kulturellen Sache, von den kulturellen Zwecken ab. Kultur wird hier in den Kontext einer Brauchbarkeit gestellt, die der eigenen kulturellen Dignität gar nicht entspricht. – Was, wenn Fußballspielen sich als effizienter herausstellt?

    Das zweite ist eine Weiterführung dieses Arguments: Wenn wirtschaftliche Begründungen im Verteilungskampf um knappe öffentliche Gelder angeführt werden, dann besteht immer die Gefahr, dass es bessere Argumente für andere Maßnahmen gibt. Im Rahmen der bildungsökonomischen Forschung beispielsweise könnte sich herausstellen, dass Schachspiel besser ist als Flötenspiel.

    Man sollte sich klar machen: In Deutschland ist es selbstverständlich, dass es gut ausgestattete kulturelle Infrastrukturen gibt. Da dies überall so ist, ist Kultur als ein Standortfaktor nicht sehr relevant. Wenn aber eine Stadt oder eine Region ihre kulturelle Infrastruktur verfallen lässt, dann plötzlich wird Kultur zu einem Standortfaktor – einem negativen Faktor, der den Verfall beschleunigen könnte.