Mittwoch , 26. September 2018
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Elias (Wout Geers) und Elsbeth (Júlia Cortés), die ihm entgleitet. Foto: tamme

Theater-Triumph für Schlafes Bruder

Lüneburg. „Schlafes Bruder“ ist ein sprachmächtiger Roman von Robert Schneider, voll drastischer bis grotesker Wucht, mit Ecken und Kanten , Phantastik und Pathos. Jetzt hat Olaf Schmidt daraus am Theater Lüneburg ein neues Tanz-/Musiktheater von bezwingender Intensität geschaffen. Zum zweiten Mal formen – nach „Carmina burana“ – die Kantoreien von St. Johannis und St. Michaelis mit dem Theater samt seinen Chören eine Einheit. 15 Minuten braust am Ende der Beifall. Keine zu kurz.

Es ist die Geschichte eines Außenseiters und eine über Liebe. Und über Musik. Es geht um Elias, die Eltern mögen ihn nicht lieben. Er wirkt so sonderbar. Die große Liebe des Elias, sie wird einen anderen nehmen oder besser: Der andere nimmt sie sich. Elias besitzt nicht die Kraft zur Gegenwehr und auch die Elsbeth nicht. Den Peter wiederum, der ihn liebt, den kann Elias nicht lieben. Was bleibt diesem Elias, diesem musikalischen Genie in dieser schroffen Bergwelt? Die Liebe in ihrer Essenz – und er wird aus eigenem Antrieb an ihr zugrunde gehen.

Barbara Blochs Bühnenbild und Susanne Ellinghaus‘ Kostüme zeigen die Welt droben in den Bergen felsgrau und dunkel. Die Menschen tragen schwarz. Das Leben? Mühsal. Für das Anderssein bleibt hier kein Platz, keine Zeit. Ein steiler Weg teilt die Bühne, doch an den Rändern, da offenbart sich dem Elias eine Flucht. Orgelpfeifen stehen für die Musik, und ein meterhohes Ohr kann Schutz bieten, um sich darin wie ein Embryo zusammenzurollen, ganz Ohr zu sein.

Das Ballett transportiert diese Geschichte in eindringlichen Bildern mit einer Nachdrücklichkeit, die aus Olaf Schmidts tiefem Verständnis für den Stoff stammt. Die zehn Tänzer schaffen Charaktere, die sie mit Poesie und Aktion auffüllen. Sie führen immer wieder in eine inzestuöse, auf eigene Weise spirituelle und äußerlich wie innerlich enge Welt. Sie verkörpern aber auch die pure Menschennacktheit, während der Chor den ergreifenden Eingangs-Chor zur Matthäuspassion singt: „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen.“

Tiefenschärfe entströmt der Musik von Bach und Bach und Bach und Pärt und Händel und anderen. Mit ernster Schönheit, Schmerz, manchmal mit Freude, selten mit Zorn, immer mit versöhnlichem Kern wirkt sie wie ein Kommentar, auch wie ein Psychogramm und behält dabei ihre eigene Kraft. Joachim Vogelsänger, Kantor an St. Johannis, hat die musikalische Leitung übernommen, und er bringt die Lüneburger Symphoniker zu beredtem Klang; alternierend wird Michaelis-Kollege Henning Voss dirigieren. Ihre Chöre bilden mit denen des Theaters eine starke Einheit, Qualität und Engagement stimmen. Meistens klingen sie nachdenklich. Es geht auch ganz anders – hechelnd steigern sich Chorstimmen in Lust.

Für viele der Orchestermusiker ist das keine alltägliche Musik, mehr oder weniger auch für die Solisten, die sich unterschiedlich stark hineinfinden, einen passablen bis sehr guten Weg beschreiten. Die Solisten, das sind Signe Ravn Heiberg, Franka Kraneis, Ulrich Kratz, Regina Pätzer und Timo Rößner.

Die Massen bekommt Schmidt auf der nun nicht sooo großen Bühne szenisch in Griff, ein häufiges Auf-/Abtreten des Chors ist aber nicht zu vermeiden. Olaf Schmidt legt über das Geschehen rund um Elias eine zweite Ebene, eine von heute. Die Solisten tragen Joggingklamotten, Putzkittel, Sakko und Lederjacke. Sie lesen das Buch, das die anderen spielen, und tauchen in ihren Arien tief hinein in diese Geschichte. Vielleicht erschaffen sie die Bilder überhaupt erst. Immer wieder liest Ulrich Kratz laut aus dem Buch, das führt unter die Oberfläche, gibt dazu Orientierung.
Im zweiten Teil des Abends beginnen die Zeitschichten, sich zu überlappen, als ahnten die Betreffenden, dass da etwas außerhalb ihrer Welt existiert. Im zweiten Teil gibt es aber auch einen Ausreißer oder zumindest ein Bild, das befremdend flach wirkt. Wie die Menschen mit gelben Tüchern zu Händels „Hallelujah“-Knaller wedeln, das also soll den Jubel wiedergeben, den Elias für sein magisches Orgelspiel bekommt. Man muss das mögen. Die anderen Brüche, die Olaf Schmidt setzt, wirken grotesker, verstörender, spannender, auch mal wie beim Krippenspiel einfach skurril.

Es bleiben im Bühnenbild, in der Geschichte und auch in der Musik immer Räume, die jeder für sich besetzen kann und muss. Tanz und Musik sind offene Sprachen. Rund 120 Künstler schaffen diesen Abend, ihm ging ein kraftraubendes Büffeln, Koordinieren und Entwickeln voraus. Es hat sich gelohnt. Bei Superlativen ist immer Vorsicht geboten, hier aber sind viele fällig. Man sehe, höre, staune selbst, vielleicht nicht nur einmal, frühestmöglich aber am Mittwoch, 8. März.

Von Hans-Martin Koch