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Gerhard Henschel begann seine Karriere bei „Kowalski“, die Hefte, hier eines von 1990, hat er natürlich aufbewahrt.

Für Martin Schlosser wird es langsam ernst

Eigentlich geht es Martin Schlosser gut: Zwar hat er gerade sein Studium abgebrochen, aber mit Jobs in einer Spedition und einer Disco kommt er auch über die Runden, er braucht ja nicht viel. Nun versucht er sich als Schriftsteller, Freundin Andrea, Sozialpädagogin und Bauchtänzerin, liebt ihn schon seit vier Jahren, und es bleibt genug Zeit zum Lesen, Rauchen, Baden und was ein Mann noch so braucht.

So beginnt Gerhard Henschels „Arbeiterroman“ (Hoffmann und Campe, 576 Seiten, 25 Euro), der siebte Teil eines wohl einzigartigen, 2004 mit dem „Kindheitsroman“ beginnenden autobiographischen Projekts. Denn Schlosser ist Henschel, und bis auf diese Namensänderung ist alles wahr. Der Autor, Jahrgang 1962, arbeitet seine Familiengeschichte auf, zu diesem Zweck hat er daheim in der Nähe von Bad Bevensen (wo er mit Frau und drei Kindern lebt) ein Keller-Archiv mit Hunderten Leitzordnern angelegt.

Martin Schlosser befindet sich in der Zeit kurz vor der Maueröffnung, treibt sich herum zwischen Meppen, Oldenburg und Jever, besucht Freunde und Verwandte, stöbert in Antiquariaten herum, schreibt Kurzgeschichten, erntet bei den Verlagen Anerkennung für sein Schreibtalent, aber meist Ablehnung, was den Abdruck betrifft. Egal, er ist jung und voller Elan, und da verkraftet man auch, wenn der Papa einen dauernd für irgendwelche Heimwerker-Arbeiten benötigt. Doch die Zeit der Unschuld ist vorbei, die Kraft der Mutter beispielsweise, die schon lange Lymphdrüsenkrebs hat, geht dem Ende entgegen.

Wir wissen, wie es mit Martin Schlosser weitergeht, er ist ja im wirklichen Leben längst ein namhafter Schriftsteller mit Preisen und Dutzenden Publikationen. Martin Schlosser hat also irgendwann den Durchbruch geschafft – bei den Satiremagazinen Kowalski und Titanic, im Merkur, in konkret und in zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen, dann auch als Romanschriftsteller.

Irgendwann als Senior wird Gerhard Henschel, der zuletzt mit dem Fotografen Gerhard Kromschröder ein Heide-Wandertagebuch („Landvermessung“) veröffentlichte, sich mit seiner Autobiographie literarisch selbst eingeholt haben, er schreibt ja schneller als er lebt. Dabei pflegt der Autor einen durchaus aufwändigen Schreibstil: Statt die Seiten großflächig mit Archivmaterial zu füllen, arbeitet der Autor kleinteilig, erzählt in kurzen, manchmal fragmentarischen Absätzen, blickt nach hier und dort, mischt Familiäres mit der großen Politik, zitiert Schriftsteller, die ihn nerven oder inspirieren. Der Leser kann sich treiben lassen in einem Erzählfluss, der bitteschön niemals versiegen möge.

Nur dass Henschel-Schlosser, der große Bob-Dylan-Versteher (und -Übersetzer), immer wieder Rock- und Pop-Ziatate von Paul Simon bis Leonard Cohen einflechtet, die man doch nie zuordnen kann, das stört ein bisschen. Nicht jeder hat so ein Archiv.

Von Frank Füllgrabe 

8 Kommentare

  1. Vier Fragen an die LZ-Edelfeder

    1.) In Absatz zwei »beginnt Gerhard Henschels „Arbeiterroman“ (Hoffmann und Campe, 576 Seiten, 25 Euro), der siebte Teil eines wohl einzigartigen, 2004 mit dem „Kindheitsroman“ beginnenden autobiographischen Projekts.« Der siebte Teil eines 2004 »beginnenden« oder »begonnenen« oder, um die Doppelung zu vermeiden, »angefangenen« bzw. »auf den Weg gebrachten« Projekts?

    2.) »Schlosser ist Henschel«? Nein! Wohl kaum! »Schlosser« ist »Schlosser«. Nicht einmal »Jean-Jaques« aus »Les Confessions« war Rousseau! Und selbst bei »Jesus« ist die Fachwelt sich nicht sicher, was er mit Jesus zu tun gehabt haben könnte. Nur »Klaus Bruns« ist immer Klaus Bruns.

    3.) »Wir wissen, wie es mit Martin Schlosser weitergeht«? Ich nicht! Wie, wenn er sich plötzlich »Walter Kempowski«, »Christopher Dannewitz« oder »Karl Ove Knausgård« nennt und hinlebt wie »Lenz« nach seinem Gang durchs Gebirg oder wie »Fiete Meiners«, wie »Gesine Cresspahl« — oder Michael Kleeberg?

    4.) Dass »Henschel-Schlosser« im letzten Absatz plötzlich »Rock- und Pop-Ziatate von Paul Simon bis Leonard Cohen einflechtet«, stört Sie das nicht ein bisschen? Nicht jeder hat so eine Traute im Umgang mit dem starken Verb »einflechten« in der Konjugationsform 3. Person, Singular, Präsens, Indikativ, Aktiv.

    LG, Ihr Kevin Schnell

    • Ja, »Werther-Fieber« und »Werther-Mode« suchen noch immer stets den biographischen Gründen des Fiktiven nachzuhecheln; die Verwechslung von Dichtung und Wahrheit, »Poesie und Wirklichkeit«, wie Goethe schreibt, ging zur Zeit seiner Anfänge so weit, daß eine regelrechte Selbstmordwelle empfindsamer Gemüter das Land erschütterte. Daß Goethe unter dem Inkognito eines ›Johann Philipp Moeller‹ nach Italien reist, ist ebenso ein Zeichen der Leiden des jungen Autors, wie es auch die Verse der ersten Fassung der zweiten Römischen Elegie sind, in denen es heißt:

      »Fraget nun wen ihr auch wollt mich werdet ihr nimmer erreichen
      Schöne Damen und ihr Herren der feineren Welt!
      Ob denn auch Werther gelebt? ob denn auch alles fein wahr sei?
      Welche Stadt sich mit Recht Lottens der Einzigen rühmt?
      Ach wie hab ich so oft die törigten Blätter verwünschet,
      Die mein jugendlich Leid unter die Menschen gebracht.
      Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt ihn erschlagen,
      Kaum verfolgte mich so rächend sein trauriger Geist.«

      Und diese Differenz von Figur und Verfasser berührt noch nicht einmal die von Verfasser und Individuum: Am 17. Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, führt Goethe in Weimar ein Gespräch mit dem Schweizer Privatgelehrten, Prinzenerzieher und späteren Numismatiker Frédéric Soret. Erst hier spricht Goethe von sich als Schreibendem, als Gestaltendem und seine Worte nehmen um nahezu 150 Jahre jenen legendären Vortrag »Was ist ein Autor?« von Michel Foucault (Schriften zur Literatur. Frankfurt/M. 1988. S. 7–31) vorweg, wenn er sagt: »Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht? … Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Le­benswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.«

    • Kevin Manuel Schnell, nur für Sie . Der Lehrer ist sich selbst ein Rätsel. Schmunzeln.

      https://www.youtube.com/watch?v=WMt4NlbjC4U

      • Lieber Herr Bruns,

        der Lehrer geht um sieben raus
        und ruft vier Stunden: »Leiser!«
        Um kurz nach eins ist er zuhaus’:
        nicht ärmer, aber heiser.
        Bis vier fläzt er im Kanapee
        mit Sekt und Stör und Brötchen.
        Dann nimmt er’s Taxi hin zum See,
        dort steht sein Segelbötchen.
        Er legt sich rein und gibt sich hin
        und schaukelt bis zum Morgen.
        So ist sein Leben frei von Sinn,
        von Arbeit und von Sorgen.

        Leseprobe aus dem Büchlein meines Freundes Thomas Gsella: „Der kleine Berufsberater“ (Gedichte, 2007, Eichborn) überreicht mit lieben Grüßen von Ihrem Kevin Schnell

    • Fabio Kühnemuth

      Bislang hatte ich immer gedacht, der Franz von Assisi und der Franz von der Sissi seien ein und dieselbe Person gewesen.

  2. Isch hätt da gern mol an Broplem

    Wenn dann, nur mal gegen alle Fahrscheinlichheit angenommen, den Schlosser Maddin schon so alt wär, als wie der Henschel Gerhard heut schon is, tät der seine fürderhinnige Lidderaturprefessur an der Läufi dran gefährdn, um was bei Blockjottjott zu schreiben? https://jj12.wordpress.com/2017/03/13/die-leuphana-und-marschall-potjomkin/#more-151

    Heinz

    • Für Martin Schlosser wird es schnell ernst

      …, wenn er mal was im richtigen Leben sagt. Aber für Gerhard Henschel wäre das kein Ausflug in die Transzendenz des Literarischen, sondern eine Wiederbegegnung mit der Welt des Gossenreports im Kostüm einer Hochschulverwaltung.

      Steffi Elze

  3. Auch ein Identitätsproblem

    Wenn Frühstücken das neue Rauchen ist, wie Forscher der Leuphana behaupten, welche Rolle spielt dann, ernährungswissenschaftlich betrachtet, eigentlich das sogenannte Nuttenfrühstück (Kaffee und Zigarette)?

    Julia Mateus