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Stefanie Schwab spielt Effi Briest, eine junge Frau, die sich gegen Zwänge wehrt. Foto: theater/tonwert21.de

Achim Lenz inszeniert „Effi Briest“ am Theater Lüneburg

Lüneburg. Achim Lenz kommt aus der Schweiz, hat Klassische Philologie und Alte Geschichte bis zur Promotion studiert und dann doch etwas Ve rnünftiges angehängt. Er ging nach Essen, studierte erneut, nun Regie an der Folkwangschule, und heute steht Lenz mit 38 Jahren mitten im Theaterleben und hat etliche Preise eingeheimst. Seit diesem Jahr ist er Intendant der Domfestspiele Bad Gandersheim. Bevor es da richtig beginnt mit „Kabale und Liebe“ und „Saturday Night Fever“, inszeniert Lenz noch einen Klassiker in Lüneburg – weil er Fan von Fontane ist: „Effi Briest“.

Hilke Bultmann schrieb eine neue Fassung

An diesem Roman haben sich Generationen von Abiturienten abgearbeitet. Er reißt so vieles auf und spielt dazu in der Literaturgeschichte eine gewaltige Rolle auf dem Weg zu den Wälzern von Thomas Mann, auf der Fahrt zu einem Realismus, der seine Zeit kritisch beäugt und zugleich tiefe poetische Kraft besitzt. Theodor Fontane schildert in dem Roman, der 1896 als Buch erschien, das Schicksal der 17-jährigen Effi Briest, die in eine Ehe mit dem doppelt so alten Baron von Innstetten gedrängt wird. Welten prallen aufeinander. Er ist alten Denkmustern verhaftet und einem starren, seelenkalten Moralkodex. Sie lebt Aufbruch, steckt voller Leben, hat aber auch eine dunkle Seite. Effi langweilt sich entsetzlich in der Provinz namens Kessin, sie vereinsamt und geht eine flüchtige Liebschaft ein, womit die Tragödie ihren Lauf nimmt. Der Rest ist Romangeschichte und tausendfach seziert.

Natürlich hat „Effi Briest“ die Bühnen und das Kino erobert. Fünfmal – mindestens – wurde der Roman verfilmt, mit Marianne Hoppe (1939), Ruth Leuwerik (1955), Angelica Domröse (1968), Hanna Schygulla (1974) und Julia Jentsch (2009). Bühnenfassungen gibt es noch mehr. Achim Lenz und Dramaturgin Hilke Bultmann, sie kennen sich aus Bad Gandersheim, haben sich „etliche Fassungen angelesen, mehrere Inszenierungen angesehen, um schließlich zu sagen: Das ist nicht das, was wir wollen“, sagt der Regisseur.

Hilke Bultmann schrieb eine Fassung, arbeitete sie mit Achim Lenz aus. „Wir wollten eine Fokussierung auf die Hauptfigur und auf Fontanes Thema, das Gefangensein in Gesellschaftstrukturen.“ Fontane, sagt Lenz, habe den Zusammenbruch der tradierten Vorstellungen eines Zusammenlebens vorausgesehen. Effi Briest ist die Figur, die nicht mehr hineinpasst in eine Welt der Bevormundung und Angepasstheit. Sie fordert Glück ein statt Unterwerfung zu leben.

Lenz: „Der Stoff ist intellektuell, aber ich muss zugleich mitreißen“

Wie immer, wenn ein Roman in eine andere Form des Erzählens übertragen wird, stellen sich Fragen des Kürzens: „Was will man extrahieren, dramatisieren? Ich muss die Handlung verdichten, ich muss verzichten“, sagt Achim Lenz. Noch ein Problem: „Der Stoff ist intellektuell, philosophisch, aber ich muss zugleich einen mitreißenden Abend schaffen.“ Um dahin zu kommen, erarbeitete Lenz das Drama mit der Viewpoints-Methode. Das ist, verkürzt gesagt, eine Technik der Improvisation, bei der Raum, Zeit, Bewegung, Ausdruck, Intuition, Bewusstheit den Körper „zum Gefäß für Geschichten“ macht. Alle hätten sich darauf eingelassen, sagt Achim Lenz, „es fing an zu vibrieren.“

Lenz erzählt „Effi Briest“ in gut zwei Stunden. Das Bühnenbild von Sandra Becker sei filmisch, das Tempo hoch – abgesehen vom Schluss. Die Titelfigur spielt Stefanie Schwab, sie ist fast durchgehend im Einsatz. „Was sie macht, da bin ich begeistert“, sagt ihr Regisseur. Als Baron von Innstetten ist Philip Richert zu sehen. Auch die weiteren Rollen werden aus dem Ensemble heraus besetzt.

Die Nachfrage ist groß. Die Premiere am Freitag, 24. März, ist ausverkauft. Die zweite Vorstellung folgt erst am 2. April, da gibt es noch Restkarten.

Von Hans-Martin Koch