Dienstag , 25. September 2018
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Effi (Stefanie Schwab) will ihren Mann (Philip Richert) von der Arbeit zum Leben bewegen – vergeblich. Foto: theater/tonwert21.de

Kritik zu Achim Lenz‘ „Effi Briest“ im Theater Lüneburg: Eine tanzt aus der Reihe

Lüneburg. Stefanie Schwab muss ein Adrenalin-Junkie sein. Wie sie an diesem Abend im Theater Lüneburg die Bühne beherrscht, lebenshungrig wie ein junges Pferd springend, als Teenie zu HipHop-Gedonner tanzend, und wie sie diese Dynamik kippen lassen kann in die Ödnis einer Ehe mit einem alten, von Arbeit zerfressenen Mann, das ist bewundernswert. Stefanie Schwab spielt die Titelrolle in „Effi Briest“ in einer Inszenierung von Achim Lenz, die sehr heutig, sehr filmisch, sehr rasant und sehr plakativ daherkommt.

Große Romane auf der Bühne, das funktioniert nur über Zuspitzung und über das Herausschälen eines Kerns. Auf der Strecke bleiben zwangsläufig die Differenzierung, der lange Atem, das mähliche, vielleicht auch schmerzhafte Eintauchen in die Psyche und Geschichte von Figuren, Beziehungen und Verhältnissen. Theodor Fontanes „Effi Briest“ wäre in Anlehnung an die Sprache und Gedankenbögen des Autors als Kammerspiel denkbar. Da aber drohte Langeweile. Hilke Bultmanns Theaterfassung und die Inszenierung von Achim Lenz wählen einen konträren Weg, sie drücken auf die Tube.

HipHop und Filmelemente

Wolken ziehen, Vögel fliegen, Wellen rollen – im Hintergrund spielt als Film die Natur mit. Vorn geht es im zeichenhaften Bühnenbild von Ausstatterin Sandra Becker ähnlich filmisch zu, mit scharfen Schnitten, mit Zoom-Effekten und Überblendungen. Zeitsprünge werden beim Ritt durch den Roman mit kleinen, originellen Effekten deutlich gemacht. Kaum ist Effi schwanger, rollt schon ein Kinderwagen herein, weiter also zieht die Geschichte, die lange viel Witz besitzt und sich am Ende ins Tragische hinein auflöst. Achim Lenz zeigt eine Gesellschaftsanordnung – bis hin zu den formalisierten Gängen in Rastern. Wirklich aus der Reihe tanzt nur die junge Effi.

Zuerst tanzt sie ganz konkret als Teenager über die Bühne, Effi sprengt mit dröhnendem HipHop die Enge, was die Eltern nervt, wollen sie doch eine brave Tochter aus gutem Hause. Effi willigt tatsächlich ein in eine Ehe, von der sie sich naiv Aus- und Aufbruch verspricht. Doch der Mann, der eigentlich mal ihre Mutter wollte, ist krass älter, Landrat im Kaff Kessin, lebt für seine Arbeit und schleppt noch in jeder Szene grotesk viele Aktenordner herein. Ganz in Grau spielt Philip Richert den Baron von Innstetten, und passend spricht Richert staubtrocken. Effi, der bunte Schmetterling, muss blind gewesen sein, als sie sich auf einen Mann einließ, der sich über Karriere definiert, die eigenen Gefühle mit Bildungsbürgergerede und Standesdünkel verkleistert.

Überdeutlich bis an den Rand zur Karikatur sind sie fast alle, aber es gelingt Achim Lenz, immer die Fallhöhe zu zeigen, aus der die Hochtrabenden, die Moralinsauren, die Spieler und die Weltentrückten stürzen. Zum Beispiel der ältliche Apotheker Gieshübler, der durch den Wirbelwind Effi längst vertrocknete Lebens- und Liebesgeister spürt: Martin Andreas Greif spielt ihn als so lächerlichen wie bedauernswerten Menschen. Oder Fabian Kloiber als Major von Crampas, der lässig und lockig Effi umgarnt, bis sie ihn auf den Mund küsst. Damit ist das Verhängnis gesetzt, das Jahre später zu einem kaum plausibel zu machenden Duell führt und dahin mündet, dass die kranke Effi den Deckel ihres Lebensreisekoffers zuklappt.

Inszenierung löst Betroffenheit aus – aber nur kurz

Wie sich öffentliche Moral und Innenleben in einen nicht auflösbaren Zwiespalt bewegen, zeigen Effis Eltern. Britta Focht gibt der Mutter die steife, gerade Haltung und entsprechende Moral, die sie allzu lang aufrechthält. Matthias Herrmann als Vater windet sich zwischen öffentlicher Erwartung und tatsächlicher Liebe zu seiner Tochter, aber auch er verstößt Effi.

Nur eine bleibt gerade und auf Effis Seite, fern aller Karikatur. Das ist Roswitha, das Kindermädchen, sie bekommt von Tülin Pektas ohne großes Gestikulieren Tiefe. Das ist sehr überzeugend.
Es steckt viel Überlegung, Detailarbeit und Theaterkunst in dieser Produktion, die trotzdem ein wenig an Auge und Ohr vorbeirauscht – in der alles klar ist, aber eben vielleicht zu klar. Die unterhaltsam ist, aber eben auch das eine Spur zu viel, um am Ende den Ernst mit auf den Weg zu nehmen. Betroffen macht die Inszenierung, aber nur kurz; da kann die wirklich sehr gute Stefanie Schwab noch so viel Adrenalin in den Abend pumpen.

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Von Hans-Martin Koch