Dienstag , 25. September 2018
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Die brave Anna (Sarah Hanikel) und Zirkusfrau Iduna (Signe Ravn Heiberg) kommen sich näher, Familie Oberholzer sieht es mit Argwohn. Foto: theater

Neu im T.NT: Paul Burkhards „Das Feuerwerk“

Lüneburg. Dieser Mief, diese Enge – Anna hat es satt. Eigentlich lebt sie als Tochter eines Industriellen recht komfortabel, und sie hat einen netten, soliden Verehrer, den Gärtner Robert. Als der Herr Vater, also der Fabrikant Albert Oberhofer, seinen sechzigsten Geburtstag feiern will, da hat die Anna sogar mit der Köchin für den Papa ein selbst komponiertes Ständchen einstudiert – und, keine Frage, sie hat Talent. Aber dann kommt alles ganz anders, die Feier, zu der die ganze spießige Familie in die Villa einfällt, gerät zu einem mittleren Desaster, und Anna erkennt: Ich muss hier raus.

Das ist die Operette „Das Feuerwerk“ des Schweizer Komponisten Paul Burkhard (1911-1977), basierend auf dem Lustspiel „De sächzigscht Giburtstag“ von Emil Sautter, uraufgeführt 1950 in München. Lüneburgs Intendant Hajo Fouquet hat das musikalische Lustspiel, das in den 1920er-Jahren spielt, auf ein schlankes Stündchen gerafft und die Inszenierung nicht etwa für das große Haus, sondern für die Theaterbühne (T.NT) eingerichtet. Kein Orchester, sondern ein Piano, dazu 13 Darsteller(innen), das muss reichen, und das reicht völlig, denn Handlung und Problemlage sind überschaubar. Dafür gibt es schöne Musik, prägnante Charaktere, dankbare Rollen, die souverän, und das erkennbar zur Freude des Publikums, in all ihrem Potenzial ausgefüllt werden.

Musikalisches Lustspiel mit bekanntem Schlager

Die bucklige Verwandtschaft, das sind etwa der biedere Landwirt Fritz, der ewig hüstelnde Regierungsrat Gustav und der eitle Professor Heinrich, sie alle ausgestattet mit den passenden anstrengenden Gattinnen – kein Wunder, dass die arme Anna langsam Platzangst bekommt. Doch dann erscheint einer, der nicht eingeladen ist – Oberholzers Bruder Alexander alias Obolski, Zirkusdirektor, das schwarze Schaf der Familie, mit seiner Frau Iduna. Anna ist hingerissen von diesem Schwadroneur, der für sie eine geheimnisvolle, schillernde und wohl auch etwas gefährliche Welt verkörpert, und von seiner schönen Begleiterin, die natürlich auch vom Zirkus schwärmt.

Stichwort Schwärmerei: Der größte Hit des Stückes (und wohl auch des üppigen Gesamtwerks von Paul Burkhard) ist „Oh mein Papa“. das Lied vom „wunderbaren Clown“ wurde in den 50er- und 60er-Jahren zu einem Gassenhauser, wir erinnern uns: „Papa wie ein Pfeil sprang hinauf auf die Seil – eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp. Er spreizte die Beine ganz weit auseinand‘, sprang hoch in die Luft und stand auf die Hand – eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp.“

Stück spielt im Deutschland der Nachkriegszeit

Mit „Clown“ war also eher ein Artist gemeint. Die rote Pappnase spielt in der knackigen und emphatischen Inszenierung aber auch eine Rolle, als Sinnbild für den Ausbruch aus den gesellschaftlichen Zwängen, all den Pflichten, der Bodenständigkeit, der ewigen Verantwortung. Anna, die noch nie wirklich von Zuhause fort war, will zum Entsetzen des Oberholzer-Clans „nicht mehr vernünftig sein“, Onkel Obolski erkennt ihr „Künsterblut“, Iduna singt von ihrem weißen kleinen Lieblingspony, und da ist es fast um das gutbürgerliche Töchterlein geschehen – aber eben nur fast. Denn wo Scheinwerferlicht ist, gibt es auch Schatten, und so kommt es, wie es kommen muss: Anna bleibt, sie hat erkannt, wo sie hingehört.

Das passt in die Zeit: Deutschland nach dem Weltkrieg, gerade als Pufferzone zwischen Weltmächten in zwei Staaten neu gegründet, das war nicht die Zeit für Selbstverwirklichung, Kanzler Adenauer gab die Parole aus: „Keine Experimente“.

„Das Feuerwerk“, in dem das titelgebende Spektakel nur eine Nebenrolle spielt, ist ein (manchmal auch anrührender) Spaß, den man sich ruhig einmal gönnen sollte. Das denken offenbar viele Operettenfreunde, der Vorverkauf läuft zügig. Also bitte, die Herrschaften aus Lüneburg, Amelinghausen, Bardowick oder Bleckede, wer noch keine Karte hat: Beeilung, Beeilung, eh la hopp, eh la hopp!

Von Frank Füllgrabe

13 Rollen und ein Klavier

Es spielen und singen: Marcus Billen (Albert Oberholzer), Elke Tauber (seine Frau), Sarah Hanikel (Anna), Claudine Tadlock (Köchin), Steffen Neutze (Gärtner), Wlodzimierz Wrobel (Fritz Oberholzer), Dobrinka Koinova-Biermann (seine Frau), Volker Tancke (Gustav Oberholzer), Kirsten Patt (seine Frau), Thomas Stückemann (Heinrich Oberholzer), Astrid Gerken (seine Frau), Burkhard Schmeer (Obolski), Signe Ravn Heiberg (seine Frau). Am Klavier: je nach Aufführungstermin wechselnd Robin Davis und Mira Teofilova.