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Gabriela Luque und Wout Geers als Paar, das sich verliert, in „Everything Fits“. Foto: theater/tonwert21.de

Lüneburger Ballett: Sie nutzen den Freiraum

Lüneburg. Sie müssen verrückt sein. Jeden Tag trainieren sie hart, sie sind laufend in mehreren Produktionen zu sehen und studieren schon eine weitere ein. Und zwischendurch und nebenbei übersetzen die zehn jungen Frauen und Männer noch eigene Phantasien in Bewegung. So lang, so anspruchsvoll, aber auch inhaltlich so dunkel war es noch nie, das Ballettstudio, das längst „Kunst ver-rückt Tanz“ heißt. Dann sind sie eben ver-rückt, die Zehn, die jetzt im T.3 des Theaters gefeiert werden.

Olaf Schmidt, der Ballettdirektor, zeigt seit seinem Amtsantritt in Lüneburg, was mit einer kleinen, bis in die Fußspitzen motivierten Tanztruppe zu wuppen ist. Das erregt weit über die Stadt hinaus Aufmerksamkeit. Für „Kunst ver-rückt Tanz“ lässt Schmidt seiner Compagnie freien Lauf. Und die nutzt den Freiraum für zumeist packende Bilder, Geschichten voller Rätsel und anspruchsvolle bis artistische Körperkunst.

In guter, freier Kunst geht es im Kern um unsere Beziehung zur Welt, zu den Menschen um uns herum und das Verhältnis zu uns selbst. Das ist in den elf Choreographien dieses 150-Minuten-Abends nicht anders. Eigentlich sind es neun Stücke, denn „Everything Fits“ von Gabriela Luque zieht sich in drei Kapiteln durchs Programm. Luque zeigt mit Wout Geers Szenen einer Ehe oder besser: Szenen. Keine Ehe. Sie will Liebe, Zugewandtheit, er Versorgung, Zeitung, Fernsehen – und, na ja, manchmal sie. Es ist der konventionellste Beitrag des Abends, nicht frei von Klischees.

Tanz folgt einer ganz eigenen Sprache

Tanz funktioniert wie Lyrik, funktioniert wie Malerei. Tanz folgt einer eigenen, nur mehrschichtig übersetzbaren Sprache. Wenn sie überhaupt übersetzbar ist. Wenn sie übersetzt werden muss. Der Lesende, der Schauende bekommt immer etwas mit auf den Weg. Mal ist der Weg schrittkurz, mal er ist er lang, genügt sich selbst und lässt ein Ziel mehr ahnen als benennen.

Kurz angetippt: Wie die Sprachen der Hände und der Füße eigenständig sind und doch in Harmonie verbunden, zeigt Júlia Cortés in „Aire Flamenco“, das einzige Stück, das nichts weiter erzählt. In „Let Me Free“ dagegen zeigen Choreographin und Tänzerin Gabriela Luque und – sensationell seinen Körper beherrschend – Anibal dos Santos ein Stück über Dominanz und Unterwerfung. Das sagt über das Gezeigte hinaus etwas über Machtgenuss, Fallenlassen und immer mehr über den Begriff von Freiheit. Dazu bohrt sich der „Cold Song“ von Henry Purcell ins Ohr.

Auch das etwas längliche „Black Out Experience“ von Francesc Fernández zeigt nicht nur das, was es zu sein scheint, nicht nur wimmelbildliche Szenen aus der Klapsmühle. Das Warten, das manische Wiederholen scheinbar sinnvollen Handelns, das aus den Fugen gekippte Sinnsuchen führt vor, wie das Hamsterrad des Lebens Menschen von sich selbst entfremdet. Noch bedeutender an diesem Stück ist die Zusammenarbeit von Profis mit dem Blackout TanzTheater, eine Laiengruppe, die dos Santos leitet.

Über kollektive Verdrogung und Altersklischees

„(D.N.A.) Lien“ von Anibal dos Santos führt – zu düsteren Industrial-Sounds – mit Luque, Claudia Rietschel und Wallace Jones in ein mystisches Ringen, und in „LSD/Printemps“ von Wallace Jones geht es zu Strawinskys „Sacre“ unter anderem um Entgrenzung, kollektive Verdrogung und Gefahren des Selbstverlustes. Von hellen und dunklen Seiten in uns handelt Rhea Gublers „Sensationell daneben“, unter anderem mit Giselle Poncet. Altersklischees befragt Wout Geers in „Alters-Con-Form“, hin zu asiatischer Philosophie und ins Rituelle geht es bei „Blaite“ von dos Santos und Phong Le Thang.

Das ist viel, meint sicher oft etwas anderes als das hier angetippte. Aber das muss jeder selbst deuten, in jedem Fall ist es gut anzusehen. „Kunst ver-rückt Tanz“ startet wieder Dienstag, 18. April um 20 Uhr. Frei ab 16 Jahren, das hat auch so seinen Grund.

Von Hans-Martin Koch

Weitere Termine:

Dienstag, 18. April, 20 Uhr

Sonnabend, 29.April, 20 Uhr

Sonnabend, 13. Mai, 20 Uhr