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Foto: t&w Musikschule - Konzert: ensemble reflektor - "GEWALTAKT" - BEETHOVEN // Coriolan RAMEAU // Entrée aus Les Boréades TÜÜR // The Path and the Traces BEETHOVEN // Sinfonie Nr. 5 Dirigent: Thomas Klug

ensemble reflector: Aggressivität als Teil der Komposition

Lüneburg. Mit Bravos und geradezu frenetischem Beifall zeigte das Publikum im fast voll besetzten Saal der Musikschule seine Begeisterung: Eine mitreißend vehemente Aufführung von Beethovens 5. Sinfonie war zu Ende gegangen, das Finale des Konzerts unter dem Motto „Gewaltakt“ als aktuelles Projekt des Sinfonieorchesters ensemble reflector zum Thema Gewalt in der klassischen Musik.

Dirigent Thomas Klug hatte seine rund 40 Jungprofis animiert, Kontraste und dynamische Extreme der so genannten „Schicksalssinfonie“ hochimpulsiv und zugleich äußerst beherrscht nachzuzeichnen. Wie der Name des Orchesters schon sagt, ist das Nachdenken über Musik und über die Musizierenden selbst als Vermittler musikalischer Inhalte und Botschaften ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit, mit der das vor zwei Jahren in der Lüneburger Musikschule gegründete norddeutsche Orchester seither Erfolge feiert. Ungewöhnliche Programme sind dafür prädestiniert. Gewaltakte kombiniert Beethovens Coriolan-Ouvertüre und dessen 1808 uraufgeführte 5. Sinfonie – als eine der bekanntesten klassischen Sinfonien überhaupt – mit Jean-Philippe Rameaus barockem „Entrée pour les muses“ und Erkki-Sven Tüürs „The Path and the Traces“.

Das emotionale Potenzial dieser stilistisch so unterschiedlichen Musik, die ihrerzeit durchweg neu wirkte und Kritik herausforderte, steht im Fokus. Dessen aggressive Seiten sollen angesichts omnipräsenter politischer Gefahren und Schicksalsschläge, wie es auf dem Programmzettel heißt, insbesondere in den Vordergrund gerückt werden, sofern sie Bestandteil der Komposition sind. Und sie sind Bestandteil dieser Kompositionen, wurden freigelegt im intelligenten, kämpferischen und doch auf eindringliche Weise effektiv sensibilisierten Spiel der jungen Musiker.
Schon Beethovens 1807 vollendete Ouvertüre zum Schauspiel Coriolan, die diskrepante Charakterzüge und das Nötigungsregiment des gleichnamigen römischen Helden spiegelt, offenbarte ein heftig vibrierendes emotionales Spannungsfeld.

Ohne eine Pause einzulegen, nach wenigen Sekunden nur, als ob Rameaus kurz vor seinem Tode 1764 komponiertes Entrée der Oper „Les Boréades“ den nächsten Aufzug des Dramas einleitete, ließ Thomas Klug die Barockmusik auftrumpfen. Auch hier ließ das Ensemble den in Musik gesetzten offensiven Affekten den Vortritt. Weniger angriffslustig, als vielmehr um Harmonie ringend, stellte sich diese Musik dar, ein pendelndes Gefühls- und Gedankengebäude ohne Sicherheit durch Schönheit.
Dies gilt auch für das gleichfalls ohne Zwischenpause anschließende zweite Herzstück des Abends, „The Path and the Traces“ des Esten Erkki-Sven Tüür. Tüür, 1959 geboren, lotete 2005 Klänge, Geräusche, feinnervige Ton- und Klangmechanismen für Streichorchester aus, deren Tonalität im Spiel des Orchesters meist ungewiss blieb.

Beethovens „Fünfte“, oft als das Durchschreiten einer Seele der Finsternis zum Licht interpretiert, erklang nach der Pause nur scheinbar in optimistisch triumphalem Gewand. Beethoven selbst war, seinerzeit der Taubheit ausgeliefert, von persönlichen Schicksalsschlägen gebeutelt, während politische Unruhen tobten. Bewusst spielte das ensemble reflector scharfkantig, betonte die weltbekannte Schicksals-Motivik, bot Idyllisches eher verhalten, um den auftrumpfenden Finalsatz in geradezu beißend brennendem Dur zu beenden. Bravissimo!

Von Antje Amoneit