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Der Motettenchor St. Johannis sang Werke zur Passion. Foto: t&w

Karfreitagskonzert in St. Johannis: Widerstreit der Seele

Lüneburg. Zum Karfreitag hatte Kantor Joachim Vogelsänger selten zu hörende, religiös-romantische Musik zusammengestellt. Zwei Passionskantate n von Stanislaw Moniuszko und John Stainer umrahmten Benjamin Brittens direkt nach dem zweiten Weltkrieg 1945 entworfene Liedgruppe „The Holy Sonets of John Donne“ für Tenor und Klavier. Die feinnervigen Interpretationen rührten stark an; anlässlich des Todestages Christi und derartiger intensiver musikalischer Eindrücke wurde in St. Johannis auf Applaus verzichtet.

Vogelsänger leitete ein bestens einstudiertes und disponiertes Ensemble. Der Motettenchor von St. Johannis musizierte die beiden Chorwerke mit den wunderbaren Solisten Michael Connaire und Ludwig Obst, wirkungsvoll begleitet vom Winsener Reinhard Gräler an der französisch-romantisch disponierten Orgel.

Lichte Engelsgesänge neben ruhiger Chor-Deklamation

„Ecce lignum crucis“ – „Siehe das Holz des Kreuzes“ – gehört zu den Stücken national und regional orientierter slawischer Musik, die lange aus politischen Gründen unterdrückt wurden. Stanislaw Moniuszkos dramaturgisch lebhaft gestaltete Motette für Chor, Baritonsolo und Orgel zur Kreuzverehrung ist heute vielfach Teil des katholischen Karfreitagsgottesdienstes. Dynamisch, klangflexibel und rhythmisch lebendig gestaltete der Johannis-Motettenchor seine Partien. Lichte Engelsgesänge standen neben ruhiger Chor-Deklamation der Worte Jesu und Gebeten mit kraftvoller Lobpreisung. Feierliche Ausdrucksfülle ergab sich in Kombination mit dem teils lyrisch zurückgenommenen, teils die musikalischen Metaphern opernhaft dramatisierenden Baritonsolo des jungen Ludwig Obst sowie der atmosphärischen Orgelbegleitung.

Das Konzert-Titelstück „The Crucifixion“ von 1887 für Soli, Chor und Orgel lebte von ebenso eindringlicher Darstellungskunst. Die vielschichtige Gefühlswelt der Passion drückt sich in Rezitativen und deutenden Gesängen mit Satzüberschriften wie „Der Todeskampf“ aus. John Stainers meditativ-illustrative Musik ergründet das Passionsgeschehen aus Sicht der Christengemeinde, gipfelnd in eigens komponierten Choralsätzen. Der Chor meisterte seine Partien intonationssicher und nachdrücklich beseelt. Emphatisch und mit lyrischer Wärme sang neben Ludwig Obst der Tenor Michael Connaire, dessen wohltimbrierte, wandelbare Stimme auch ideal zu den Sonetten von John Donne passte.

Unendliche Trauer in Brittens Rezitationen

Benjamin Britten komponierte diese Sonette unter dem Eindruck des gerade befreiten, von ihm mit Yehudi Menuhin besuchten Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Werner von Koppenfels übersetzte die Texte um den, die Lebenspein und das Hoffen auf Gottes Gnade eigens für dieses Konzert ins Deutsche. Totale Düsternis, unvorstellbares Entsetzen, unendliche Trauer, doch auch das Ringen um Erlösung drücken Brittens Rezitationen aus. Der unprätentiös geführte Tenor Michael Connaires gab den Inhalten gebührenden Ernst und gravierende Tiefe. Am Flügel begleitete die Lüneburger Pianistin Mira Teofilowa. Sie betonte die besonders in den hochvirtuosen Klavierparts vorherrschende gespenstische Rastlosigkeit, doch auch das selten aufscheinende Tröstliche.

Von Antje Amoneit

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