Mittwoch , 26. September 2018
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Aufstellen für den Fotografen, danach fängt die Probe in der Aula an. Die Wilhelm-Raabe-Schüler haben noch knapp einen Monat Zeit bis zur Premiere ihres Musicals. Foto: t&w

Ein merkwürdiges Buch

Lüneburg. 2500 postkartengroße Flyer sind im Umlauf, von ihnen beäugt mit hoher Stirn und weißem Zauselbart der Dichter Wilhelm Raabe die Welt. Obwohl: Herr Raabe sieht ein wenig aus wie dieser Albus Dumbledore, der Schulleiter aus der Harry-Potter-Welt. Angepriesen wird mit der Karte „Die wahre Geschichte der Wilhelm-Raabe-Schule“, und wie genau es da um die Wahrheit steht, lässt der Haupttitel des Stücks, das ein Musical ist, erahnen: „Zauberstunden“. Geprobt wird – natürlich – in der Wilhelm-Raabe-Schule.

Ideen zum Stück wurden gemeinsam entwickelt

Das Wort in der hohen, kahlen Aula ergreift Anna Sophie von Mansberg: „Heute ist Durchlauf. Es wird nicht alles gutgehen.“ Das Team, rund 25 Schüler stark, erreicht die heiße Probenphase. Geschrieben haben den Musicaltext Anna Sophie von Mansberg und ihr Vater Friedrich. Beide besuchten bis vor Kurzem bzw. einst das Gymnasium an der Feldstraße. Anna Sophie leitete schon zu Schulzeiten eine Theater-AG, Friedrich von Mansberg ist Chefdramaturg am Theater und kümmert sich um Verbindungen zwischen dem Theater und jungen Generationen.

Die Idee, Theater und Wilhelm-Raabe-Schule zu verkoppeln, ist zwei Jahre alt. Aus ihr resultiert eine Musical-AG, die seit eineinhalb Jahren wöchentlich an den „Zauberstunden“ feilt. „Es ist toll, wie die Schüler sich in die Arbeit verstricken lassen“, sagt Friedrich von Mansberg. Knapp 25 sind es, alle aus der siebten, achten, neunten Klasse. Jungs sind auch dabei.
Die Vorgabe zum Stück wurde gemeinsam entwickelt. Es sollte um die Raabe-Schule gehen, deren mehr als hundert Jahre altes Gebäude zu Potterschen Hogwart-Phantasien reizt. Zu klären waren Fragen wie: Soll das Stück lustig oder traurig sein? Mal sehen. Soll es um Liebe gehen? Ja, ein wenig. So tastete sich das Team ans Thema heran, aus dem die Mansbergs das Musical formten.

Mit der Musik lief es ebenso. Sie komponierte der Lüneburger Kirchen- und Jazzmusiker Daniel Stickan. Auch er befragte die Schüler und schrieb anschließend Ohrwürmer von der Pop-Ballade über Rap bis zu Rockigem. Bei der Probe sitzt Regina Ewe am Klavier. Bei der Premiere am 11. Mai um 19 Uhr und danach aber sorgen die Bläserklasse des 7. Jahrgangs, eine Band und der Schulchor für die Musik.

Außenseiter finden merkwürdiges Buch

Alles in dem Stück fängt damit an, dass Sophie und Ben, die eher Außenseiter sind, ein merkwürdiges Buch finden. Plötzlich ist vieles anders im Alltag, und Ben und Sophie lernen viel für ihr Selbstwertgefühl. „Sophie ist eigentlich eher schlecht in der Schule, aber sie findet Selbstvertrauen und kriegt sogar Mathe hin“, sagt Emma Schicke. Sie spielt alternierend mit Leonie Meyer die Sophie. Juri Endsin gehört zu den Jungs im Team. Er hatte im Theater gesehen, was Friedrich von Mansberg mit Schülern auf die Bühne bringt. „Das fand ich super, ich wollte unbedingt dabeisein.“ Jetzt spielt er einen Sanitäter, „aber wir nennen uns Sanitöter.“

Erwachsene spielen ebenfalls mit. Die Lehrer Stefanie Ho­mann-Hasenauer als böse Mathelehrerin Analyma, Johannes Pfeiffer als Geist von Wilhelm Raabe. Da kommt der Namensgeber des Gymnasiums doch noch ins Spiel. Friedrich von Mansberg wird als Deutschlehrer Magikus dabei sein. Der Name sagt viel.

Viermal klingelt es zu den „Zauberstunden“, am 11./12. und 18./19. Mai. Einen Vorverkauf gibt es an der Kasse des Theaters.

Von Hans-Martin Koch

Wer war Wilhelm Raabe?

Der Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831-1910) ist heute kaum noch präsent. Er gilt als Vertreter des poetischen Realismus, schrieb Erzählungen, Novellen und Romane, in denen er seine Zeit, die Industrialisierung, die Umweltzerstörung und den Verlust der „Gemütskultur“ beobachtete.

Unter dem Pseudonym Jacob Corvinus brachte er 1856 seinen ersten Roman „Die Chronik der Sperlingsgasse“ heraus, es wurde sein größter Erfolg, künstlerisch wie wirtschaftlich. Zu Raabes Hauptwerken zählen „Der Hungerpastor“ (1864), „Pfisters Mühle“ (1884) und „Stopfkuchen“ (1891).

Was das Lesen heute erschwert, sind viele Abschweifungen und Betrachtungen, die den Fluss der Erzählung durchbrechen. lz