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Den aktuellen Stand der malerischen Dinge repräsentiert das MalerinnenNetzWerk bis Ende Mai.

Das MalerInnenNetzwerk will Männerdomäne knacken

Lüneburg. Der Blick auf die Mitgliederliste des Bundes Bildender Künstler, hier die Lüneburger Abteilung, lehrt: Die Kunst ist weiblich. Zw ei Drittel der Mitglieder sind Frauen. Der Blick auf die Hitliste der erfolgreichsten Künstler lehrt dagegen: 90 Prozent in den Top Zwanzig sind Männer. Cindy Sherman und Rosemarie Trockel sind die Ausnahmen. Auf den Hochschulen: Frauen in der Mehrzahl der Studierenden, bei den Professuren sieht es wieder ganz anders aus. Da läuft etwas schief. Das geht seit Jahrhunderten so, aber das macht es ja nicht besser. Dass es besser werden kann und muss, zeigt eine üppige Ausstellung in der KulturBäckerei – „Painting XX“.

Vor zwei Jahren gründete sich das MalerinnenNetzWerk Berlin-Leipzig aus zwei bis dahin lose bestehenden Gruppen. Als Ziel formulieren die Malerinnen, „die Synergie und den speziellen Magnetismus zwischen Berlin und Leipzig zu nutzen, um eine gemeinsame Stoßkraft für die Malerei von Frauen zu entwickeln.“ Dabei geht es um die Auseinandersetzung mit der Kunst im engeren Sinn, aber auch darum, „wie sich Malerei von Frauen besser positionieren lässt – in einem nach wie vor von Männern dominierten Feld.“

Der Kunstmarkt hängt der Gesellschaft hinterher

Kathrin Landa, eine der Sprecherinnen, sagt: „Der Kunstmarkt hinkt der Gesellschaft hinterher.“ Das ist keine Aussage, das ist eine Anklage. Das Motto „Painting XX“, wobei das XX für die Chromosomen des Weiblichen steht, könnte zu Spekulationen verführen. Etwa, ob denn etwas Genetisches daran auszumachen ist, dass Männer sich an die Spitze beißen. Aber in der Literatur ist es anders, in der Musik, abgesehen von Dirigenten, und in der Darstellenden Kunst auch. Landas Anklage an den Kunstmarkt stimmt demnach, zumindest stimmt sie bedenklich.

Dass Frauen in der Kunst spät in Erscheinung traten, lehrt jeder Museumsgang. Dass sie spät an den staatlichen Einrichtungen studieren durften, dass noch weit später erste Professorinnen die Männerdomäne zu knacken begannen, daran erinnerte Kurator Enno Wallis. Als Beispiel dafür, dass Wandel möglich ist, nennt Wallis die Lüneburger Halle für Kunst. Ehemalige Kuratorinnen des Vereins sind heute verantwortlich an wichtigen Einrichtungen anzutreffen, in Zürich (Heike Munder), Basel (Valerie Knoll), Bregenz (Eva Birkenstock) und Hamburg (Bettina Steinbrügge). Aber warum, fragt Kathrin Landa, stellen sie überwiegend Kunst von Männern aus?

Nach mehreren Kuratorinnen buchten die 26 Künstlerinnen nun Enno Wallis als Ausstellungsmacher. Damit ist Lüneburg im Spiel, denn Enno Wallis arbeitet laufend für die Kunsthalle der Sparkassenstiftung – die sich auch mit eigener Homepage ein Profil geben will und sich so nach außen vom KulturBäckerei-Gesamten abhebt. Lüneburg ist auch künstlerisch im Spiel: Justine Otto als Bleckederin ist Mitglied des Netzwerks. Ganz so eng ist der Berlin/Leipzig-Zwang nicht. Qualität entscheidet.

26 Mitglieder insgesamt zählt die Gruppe. Rein wollen viele. Leicht ist es nicht. Pro Jahr, so Kathrin Landa, werde eine Malerin aufgenommen. Bewerben bringt eher nichts, die Kandidatinnen werden aus Vorschlägen heraus diskutiert.

Das Bild des Menschen als zentrales Thema

Mit „Painting XX“ zeigen bis zum 28. Mai die 26 Mitglieder und sechs Gast-Künstlerinnen, was der Stand der malerischen Dinge ist. Die Künstlerinnen zwischen 29 und 60 Jahren können alle einen professionellen Weg mit Ausstellungen an wichtigen Orten vorweisen. Fast alle, so zeigt die Ausstellung, nutzen das Gegenständliche, sehr häufig setzen sie sich mit dem Menschen auseinander, bevorzugt mit dem Bild der Frau. Das kann schemenhaft geschehen, in kraftvoller Übermalung oder durch das Offenlassen von Flächen. Manche gehen sehr nah heran, andere wahren Distanz, öffnen (Gedanken-)Räume. Bezüge und Verweise auf Vorausgegangenes lassen sich ausmachen, unterm Strich aber ist es wie immer bei Gruppenausstellungen: Sie geben einen Überblick. Der Besucher muss prüfen, wo er vertiefend einsteigen will.

Aus der Reihe fallen Objekte von Iris Schieferstein. Sie zerlegt tote Tiere, bildet mit dem Material zwischen Ironie, Grusel und auch Ekel pendelnde Skupturen. Ein Knäuel toter Mäuse, geformt mit Rattenhaut, nennt sie „Thoughts“, als „Cowgun“ sind Pumps zu sehen, deren wichtigste Bestandteile Horn sind und Revolver als hohe Hacken. Zu den spektakulären, allein deswegen aber nicht wertvolleren Arbeiten, zählt „Ictus“ von GL BRIERLEY, eine der Gastausstellerinnen. „Ictus“ ist das lateinische Wort für Schlaganfall, für schwer getroffen, für beunruhigt. Beunruhigend sind sie, die organisch wabernden Gebilde auf dem großformatigen Werk, das einen Aufbau wie ein Stillleben besitzt. Aber da fängt das Assoziieren an, und genau das dürfte das Ziel der Britin sein. Und nicht nur ihr Ziel.

Ein Katalog folgt.

Von Hans-Martin Koch