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Es geht nicht immer friedlich zu in John Steinbecks Familiensaga, das wird auch auf der Bühne so sein.

Jenseits von Eden – Kein Paradies auf Erden

Lüneburg. Morgens um neun in der Theaterkantine tobt nicht gerade das Leben. Aber Jasper Brandis ist da, schon aus Hamburg rübergependelt, und mühelos kann er sofort über Joyce und Dostojewski Brücken schlagen, bis das Gespräch „Jenseits von Eden“ bzw. bei „Jenseits von Eden“ angekommen ist. Bei jener Familiensaga also, die heute vor allem mit James Dean verbunden wird. Der Film nutzte das letzte Viertel des Romans von John Steinbeck. Was am Sonnabend, 6. Mai, im Theater auf die Bühne kommt, ist zwangsläufig auch ein Extrakt, aber ein ganz anderer. Jasper Brandis fühlt der Vorlage auf den Zahn und macht was eigenes daraus.

Vor 65 Jahren schrieb John Steinbeck (1902-1968) den Roman. 1962 erhielt der Autor für seine „einzigartige realistische Erzählkunst“ den Literaturnobelpreis. Dazwischen, 1955 gedreht, lag der Film, den Elia Kazan mit James Dean drehte. „Der Film ist, wenn man das Buch gelesen hat, erstaunlich banal“, sagt Jasper Brandis. Steinbecks Werk sei wie einer der großen russischen Romane, in denen Widersprüche nicht gelöst, sondern deutlich gemacht werden. Was beim Film ganz wegfalle, sei der oft gnadenlose Blick auf die Figuren, auch fehle der unterschwellige Humor.

Regisseur Jasper Brandis will „einen Sog erzeugen“

Den ganzen Roman, der einen Bogen vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Ersten Weltkrieg spannt, könne eine Theaterfassung natürlich nicht spiegeln. Das führte zu Verhedderung. Bei der Essenz wiederum drohen „lauter pathetische Belehrungen“. Diese Diskrepanz müsse man auflösen, sagt der Regisseur. Was bleibt, sei die „große Amplitude zwischen Gut und Böse“, sei die Frage nach der Freiheit, sich für einen der Pole zu entscheiden. Aber: „Können wir das selbstbestimmt?“ Thema sei auch der Bruderzwist mit dem Kainsmal, verdammt zum Leben zu sein. Ein weiteres Thema, vielleicht das Wesentliche, ist das von der Vorstellung eines Paradieses auf Erden – und das Scheitern dieser Vorstellung.

Wie ein Krimi sei die Theaterfassung aufgebaut, aber davon habe er sich gelöst, sagt Brandis. Es wird eine Art Chor geben, aus dem einzelne Figuren heraustreten. Der Chor wird auch eine erzählerische Funktion haben. „Wir versuchen, über ein hohes Maß an Tempo einen Sog zu erzeugen“, sagt der Regisseur. Er kennt die Möglichkeiten des Lüneburger Theaters und bringt dazu eine Menge Erfahrung ein. Zum Theater kam der 1971 geborene Regisseur nach dem ersten Jura-Staatsexamen. Zur Zeit der Intendanz von Frank Baumbauer am Deutschen Schauspielhaus nahm Brandis über drei Jahre eine Regiehospitanz wahr, seit 1999 arbeitet er frei als Regisseur.

In Lüneburg hat Brandis 2013/14 „Clyde & Bonnie“ inszeniert, im Jahr darauf „Wie im Himmel“. Jetzt setzt er fast das komplette Schauspielensemble des Theaters ein. Einen Subtext wird Musik legen: Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2, gespielt von der Pianistin Mira Teofilova. Für das Bühnen- und Kostümbild zeichnet Barbara Bloch verantwortlich. „Jenseits von Eden“ steht bis zum 24. Juni insgesamt achtmal auf dem Spielplan.

Von Hans-Martin Koch